Oft ist weniger wirklich mehr… 

Im Laufe der letzten Jahre habe ich eine erstaunliche Entdeckung über mich selbst gemacht: Ich bin kein „klassischer Minimalist“ und habe mich auch nie bewusst dazu entschieden, diese Lebensphilosophie auf mein Leben anzuwenden. Aber während der letzten fünf Jahre ist mein Lebensstil immer minimalistischer geworden. Dabei habe ich nicht einmal darüber nachgedacht, fortan „minimalistischer“ zu sein. Es ist einfach passiert, während ich mein Leben vereinfacht habe. Und wie sich herausstellt, deckt sich das, was sich bei mir entwickelt hat, mit der Entwicklung vieler praktizierender Minimalisten. Zuerst fand ich das amüsant. Doch beim zweiten Blick merkte ich, dass dies überhaupt nicht verwunderlich ist. Denn im Grunde genommen ist Minimalismus nichts anderes als Vereinfachung. Mehr Fokus auf Achtsamkeit, Bewusstsein und Qualität. Weniger Aufmerksamkeit für alles, was das Leben kompliziert macht.

Wenn ich diesen Prozess reflektiere, sehe ich drei große Erkenntnisse, die ich gerne teilen möchte. Nicht, weil ich sie als Erfolgsrezept für das perfekte Leben verkaufen will. Es ist eher so, dass diese Erkenntnisse mir sehr weitergeholfen haben. Also habe ich das Bedürfnis, sie mit meiner geschätzten Community zu teilen, in der Hoffnung, damit den ein oder anderen inspirierenden Gedanken auszulösen.

 

1. Viel aus wenig machen.

Wir leben in einer Zeit, in der wir so ziemlich alles haben können. Und zwar schnell. Wir müssen dafür nicht einmal das Haus verlassen, sondern können uns nahezu alles in kürzester Zeit dorthin liefern lassen, wo wir uns gerade befinden. Damit geht eine große Versuchung einher, der die meisten von uns regelmäßig erliegen. Auch ich hatte meine Phasen des übermäßigen Konsums. Ich habe mir Dinge gekauft, die ich eigentlich gar nicht brauchte. Einfach, weil ich sie „cool“ fand. Oder weil ich dachte: „Hmm, wenn ich das jetzt hätte, dann könnte ich damit bestimmt auch mal dies oder jenes machen.“

Ich hatte mal wieder Lust, ins Fitnessstudio zu gehen. Aber zuerst musste ich mir dafür neue Trainingskleidung kaufen, anstatt etwas im Kleiderschrank zu finden, das ich benutzen konnte.
Ich wollte mal wieder wandern gehen. Aber erst kaufte ich mir einen schicken neuen Rucksack, anstatt einfach eine Flasche Wasser, ein paar Snacks und Ersatzsocken in meinen guten alten Rucksack zu legen und loszulaufen.
Und auch wenn ich sogar auf einem 20 Jahre alten Laptop ein Buch schreiben könnte, war es mir wichtig, mir jedes Jahr ein neues Notebook zu kaufen, weil ich mir einredete, es sei mein „Werkzeug“ und müsse somit immer frisch sein. Genauso wie die meisten von uns sich jedes Jahr ein neues Smartphone kaufen, obwohl das vorherige eigentlich noch mindestens 5 Jahre lang völlig einwandfrei funktionieren könnte…

Wir haben viel, weil wir viel haben können. Die ständige Verfügbarkeit bedeutet auch ständige Versuchung. Und leider hat die Konsumwelt uns tatkräftig dabei geholfen, unser Belohnungssystem so zu verändern, dass wir Befriedigung und Belohnung dann empfinden, wenn wir uns etwas Neues kaufen. Auch wenn das bedeutet, dass wir unzählige Stunden arbeiten, um ein Gefühl der Befriedigung zu erkaufen, welches nur wenige kurze Momente anhält.

Seit einiger Zeit jedoch empfinde ich ein Gefühl von Bestätigung und Belohnung, wenn ich etwas aus dem mache, was ich bereits habe. Ich schaue nicht, was ich noch brauchen könnte, um X und Y tun zu können. Ich schaue, was es bereits jetzt in meinem Leben gibt, das mir dabei helfen könnte, den Zweck zu erfüllen. Und immer wenn mir das gelingt, freue ich mich. Dann fühle ich mich „reich“, weil ich das Privileg habe, etwas Gutes zu besitzen, das mir in vielen Lebenslagen hilfreich sein kann.
Seit ein paar Jahren kaufe ich sehr viel weniger ein. Wenn ich kaufe, kaufe ich bewusster und lege mehr Wert auf Langlebigkeit und Qualität. Dazu später mehr.

Die Konsumgesellschaft hat es zum sozialen Zwang gemacht, immer das Neueste und Trendigste zu besitzen, um von den anderen respektiert und akzeptiert zu werden. „Nachhaltigkeit“ ist höchstens ein Werbeslogan, aber ganz bestimmt nicht das, was die Konsumindustrie sich wünscht. Mehr, mehr, mehr. Es ist völlig egal, ob es Dinge sind, die wir brauchen oder nicht. Hauptsache, es ist Kram, den man uns irgendwie als halbwegs nützlich verkaufen kann.

Meine Garderobe, mein technisches Equipment, die Ausstattung meines Zuhauses und viele andere Bereiche meines Lebens sind heute deutlich reduzierter, aber dafür hochwertiger und wichtiger. Was ich besitze, hat für mich einen höheren Stellenwert, weil ich die jeweiligen Dinge wirklich brauche und Freude daran habe, sie regelmäßig zu benutzen. Ich bin achtsamer mit ihnen. Ich pflege sie besser. Ich fühle mich fähiger, weil ich mehr aus ihnen machen kann.

 

2. Qualität über Quantität.

Was haben Ein-Euro-Läden und Online-Marktplätze wie Temu oder AliExpress gemeinsam? Bei ihnen geht es nicht darum, etwas zu kaufen, das man braucht. Es geht darum, etwas zu kaufen, weil es günstig ist. Es geht um das Konsumieren an sich, nicht um das Konsumieren aus einem bestimmten Grund. Man kauft, weil man kann. Weil es billig ist. Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen. Erstens, weil es so aussieht, als würden wir ein gutes Angebot machen, und zweitens, weil es sich so schön anfühlt, sich zu belohnen.

Wenn wir anfangen, uns wirklich nur das zu kaufen, was wir brauchen, können wir es uns in den meisten Fällen auch erlauben, in etwas Hochwertiges zu investieren. Sei es Technik, Werkzeuge, Kleidung, Möbel, Küchenzubehör oder andere Dinge.
Wie ich eben bereits schrieb, macht es einfach viel mehr Spaß, viel mehr aus deutlich weniger zu machen. Es macht aber auch sehr viel Spaß, etwas qualitativ Hochwertiges zu besitzen, das einfach sehr gut funktioniert und Freude bereitet.

Ein simples Beispiel: Vor drei Jahren kaufte ich mir einen Rucksack von Samsonite. Ja, ich habe dafür stolze 300 Euro ausgegeben. Aber es ist unglaublich, wie viel ich mit diesem Reisebegleiter schon erlebt habe. Er ist täglich bei der Arbeit im Einsatz, hat mich auf Geschäftsreisen begleitet, dient als Handgepäck im Flugzeug und war bei Urlauben dabei. Da ich ihn wertschätze und pflege, sieht er immer noch hervorragend aus. Keine Löcher, keine Risse. Gibt es inzwischen neuere Modelle? Bestimmt. Brauche ich das? Nein. Mit jedem Einsatz wächst mein täglicher Begleiter mir mehr ans Herz. Mein Belohnungssystem hat sich verändert. Ich empfinde keinen „Dopamin-Kick“, indem ich mir einen neuen Rucksack kaufe. Ich empfinde ihn, wenn ich meinen Rucksack für ein neues Abenteuer packe und daran denke, was wir gemeinsam erlebt haben.

 

3. Weniger Optionen, mehr Möglichkeiten.

Viel zu besitzen, bedeutet auch, viel herumliegen zu haben. Es bedeutet, viel mentale Last mit sich zu tragen. Es bedeutet, seinen Lebensraum vollzustellen, während er sich eigentlich nach Klarheit und Ordnung sehnt.

Eine abwechslungsreiche Garderobe führte dazu, dass ich viel darüber nachdachte, was ich anziehen sollte. Viel Technik zu besitzen, bedeutete, täglich darüber nachzudenken, mit welchem Equipment welche Aufgaben erledigt werden sollten. Als ich drei Autos besaß – das mit Abstand größte Luxusproblem, das ich je hatte – dachte ich ständig darüber nach, welches ich mitnehmen würde.
Darüber hinaus müssen all diese Dinge gepflegt und gewartet werden. Für all diesen Besitz gibt es in irgendeiner Form Organisations- und Verwaltungsaufwand.

Das sind definitiv Luxusprobleme, die wir Menschen noch nicht allzu lange haben. Aber sie sind da, und der wache Geist kann sie nicht übersehen.

Es ist unglaublich, wie viel Energie und Fokus wir gewinnen, wenn wir den größten Teil unserer Aufmerksamkeit auf das Leben richten können und nicht darauf, unseren Besitz zu verwalten. Wir leben mehr und funktionieren weniger. Der gedankliche Lärm ist so viel geringer.

 

Kein Verzicht, sondern ein Gewinn.

Ich lernte, dass das bewusste Reduzieren kein Verzicht sein muss, sondern ein Gewinn sein kann. Es ist ein Gewinn an Achtsamkeit, Bewusstsein, Wertschätzung, Dankbarkeit und Lebensqualität.

Damals, als ich ca. 18 Jahre alt war, erzählte ein Lehrer uns im Schulunterricht, warum er sich für den Weg des Minimalismus entschieden hatte. Ich erinnere mich daran, dass viele meiner Mitschülerinnen und Mitschüler ihn auslachten. Es galt als „uncool“, sich bewusst dazu zu entscheiden, nicht wahllos alles zu kaufen, was neu und angesagt ist. Wenn ich heute zurückblicke und darüber nachdenke, wird mir klar, wie tief die Konsumgesellschaft in uns verwurzelt ist. Und wenn es vor fast 20 Jahren so war, dann wird es bis heute definitiv nicht besser geworden sein 😉

Ich sage nicht, dass wir alle minimalistisch leben sollte. Jeder so, wie er mag, keine Frage. Aber wer Klarheit sucht, kann bereits mit wenigen gezielten Entscheidungen große Hebel in Bewegung setzen.
Oft ist weniger wirklich mehr.

In der Hoffnung, den ein oder anderen produktiven Gedanken in die Welt hinauszusenden, verabschiede ich mich für heute.

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelbild: Unsplash.com, Prateek Katyal