Hast du dich das jemals gefragt?

Es gibt einen Gedanken, der sich durch nahezu alle Kulturen und Religionen der Welt zieht: Das Leben ist eine Art Prüfung.
Hast du jemals darüber nachgedacht?

Im Christentum glaubt man an Himmel und Hölle, also an Belohnung oder Bestrafung. Im Islam glaubt man an den Jüngsten Tag, an dem die Menschen anhand ihrer Lebensweise bewertet und entsprechend zur Rechenschaft gezogen werden. Buddhisten glauben an das Karma, welches bestimmt, in welcher Form man wiedergeboren wird. Auch Menschen ohne religiöse Überzeugung sprechen oft vom Karma und glauben daran.

Aber nicht nur im klassischen religiösen Kontext wird das Leben wie eine Prüfung gesehen. Andere glauben zum Beispiel an den „Seelenvertrag“, welcher besagt, dass wir hier sind, um einen Sinn zu erfüllen, für den wir uns bewusst entschieden haben, bevor wir die menschliche Gestalt angenommen haben. Wieder andere glauben daran, dass wir von einer höheren Intelligenz erschaffen wurden, die uns beobachtet und studiert.

Selbstverständlich weiß ich nicht, was davon wahr ist, und natürlich gibt es auch noch zig andere Theorien über das Leben, den Tod und alles, was dazwischen liegt. Aber heute geht es nicht darum, was es in Wirklichkeit sein könnte. Es geht um die große Gemeinsamkeit, die all diese Überzeugungen haben. Und hier wiederhole ich mich: In all diesen unterschiedlichen Weltanschauungen ist das Leben eine Prüfung.

In dieser Prüfung müssen wir so „gut“ wie möglich leben, damit wir am Ende unseres Lebens die besten Chancen für das bekommen, was auch immer hinter diesem letzten Vorhang auf uns warten könnte.

 

Unter Druck leben, um in Frieden zu sterben?

Diese Vorstellung hat etwas Tröstliches. Sie gibt unserem Leben Bedeutung, denn sie sagt uns: Was du tust, hat echte Konsequenzen. Es zählt. Es ist nicht irrelevant.

Gleichzeitig sehe ich auch eine Schattenseite: Wenn das Leben eine Prüfung ist, dann setzt sie jeden, der sich dessen bewusst ist, unter Druck. Die Prüfung will bestanden werden. Und wer nur damit beschäftigt ist, die Prüfung zu bestehen, der vergisst hin und wieder, einfach im Moment zu sein und sein Leben zu leben.

Und hier komme ich erneut zur Grundidee dieses Blogartikels: Manche von uns leben mit einem gewissen Druck. Sie sprechen davon, noch „irgendetwas schaffen“ zu müssen, bevor sie in Frieden sterben können. Sie haben das Gefühl, die Prüfung noch nicht bestanden zu haben. Woraus auch immer diese Prüfung bestehen mag…

 

Welche Prüfung darf es sein, bitte?

Über die Jahre habe ich in meinen Coachings mit unzähligen Menschen über dieses Thema gesprochen. Auf diese Weise begriff ich, dass ich ganz bestimmt nicht der einzige bin, der sich mit diesen Gedanken beschäftigt.

Manche sprechen davon, noch unbedingt gewisse Orte auf der Welt gesehen haben zu müssen, bevor ihr Leben endet.
Andere sprechen davon, eine gewisse Summe Geld verdient haben zu müssen. Bei anderen geht es um einen bestimmten Erfolg oder ein spezielles Ziel, egal ob beruflicher oder sportlicher Natur.
Wieder andere wollen für ihre Familie vorsorgen. Nicht wenige sprechen davon, ihr „volles Potenzial“ entfalten zu müssen, um herauszufinden, was sie mit ihrem Leben anfangen können.

Ich verstehe all diese Gedanken und Wünsche. Nicht nur, weil mir schmerzlich bewusst ist, wie kurz dieses Leben hier eigentlich ist. Sondern auch, weil ich das zutiefst menschliche Bedürfnis dahinter sehe. Wir wollen am Ende wissen, dass unser Leben eine Bedeutung hatte. Dass wir etwas aus diesem Leben gemacht haben. Wir wollen nicht unter der Reue leiden, ein ganzes Leben bekommen zu haben, welches wir nicht genutzt haben. Wir wollen nicht einfach verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Natürlich verstehe ich das. Warum heißt dieser Blog wohl „Dein Fußabdruck“? Weil ich mich bereits im Jahr 2014 gefragt habe, ob ich dieser Welt etwas von Bedeutung hinterlassen kann, oder ob ich eines Tages in der Bedeutungslosigkeit verschwinden werde.

Ich habe mir bereits vor langer Zeit vorgenommen, dieser Welt meinen Stempel aufzudrücken. Früher wusste ich nicht, wie genau das aussehen sollte, und wenn ich ganz ehrlich bin, weiß ich auch heute nicht so ganz, ob ich diesem Wunsch gerecht werde.
Aber ich verstehe zumindest besser, dass dahinter ein starker Wunsch nach Geltung und tieferer Bedeutung steht.

 

Darf man das hinterfragen?

Manchmal frage ich mich: Messen wir auf unserer Suche nach Bedeutung mit dem richtigen Maßstab? Wer entscheidet, ob wir „gut genug“ gelebt haben, um in Ruhe sterben zu können? Woher wissen wir, ob wir „genug“ erreicht haben, um in Frieden gehen zu können?

Wer sagt, dass 50 bereiste Länder uns besser für den Tod qualifizieren als ein entspanntes Leben, in dem wir uns die Erde immer vom selben Fleckchen aus angesehen haben?
Wenn der Tod doch keine Taschen hat, warum ist es dann so wichtig, sich vorher noch die Taschen zu füllen?
Wenn jeder für sich selbst verantwortlich ist, warum berauben wir andere des Privilegs, für sich selbst zu sorgen, indem wir es uns zur Lebensaufgabe machen, ihnen ein Vermögen zu hinterlassen?
Wer sagt, dass ich einen besseren Frieden bekomme, weil meine Bücher mein Leben überdauern werden, als jemand, dessen Namen die Welt niemals gehört hat?

 

Den Druck rausnehmen

Man könnte mir unterstellen, ich sei gemein, weil ich diese Fragen stelle. Man könnte aber auch sagen, dass ich versuche, den Druck rauszunehmen. Denn Fakt ist, dass zu viele Menschen so sehr damit beschäftigt sind, sich für den Tod zu qualifizieren, dass sie nicht leben.

Wenn man mit Menschen spricht, die ein hohes Alter erreicht haben und auf ihr Leben zurückblicken, dann stellt man schnell fest, dass sie nicht bereuen, nicht genug Geld gehabt zu haben. Sie bereuen, nicht genügend gelebt zu haben. Nicht genügend achtsam gewesen zu sein. Nicht das wertgeschätzt zu haben, was sie hatten. Was auch immer es war, das sie hatten.

Ich habe sehr betagte Menschen kennengelernt, die panische Angst vor dem Sterben hatten und sich nicht „bereit“ fühlten. Ich habe junge Menschen kennengelernt, die aufgrund einer Erkrankung dem baldigen Tod entgegenblickten und vollkommen entspannt waren, weil sie sich „bereit“ fühlten. Wie ich mir den Unterschied erkläre? Ganz einfach: Wie so oft im Leben, ist alles eine Frage der eigenen Perspektive auf das Leben.

Ich glaube nicht, dass es einen objektiven Maßstab gibt, der festlegt, wann wir „gut genug“ gelebt haben, um dem Tod gelassen entgegenzugehen. Es gibt nur ein subjektives Empfinden darüber, welche Erwartungen man an sich und das Leben haben sollte.
Also schlage ich eine gesunde Balance vor: Wir sollten die Tatsache, dass wir sterblich sind, nicht vergessen. Denn der Tod und die Vergänglichkeit geben dem Leben und jedem einzelnen Tag Bedeutung.
Aber vor lauter Gedanken an das Ende dürfen wir nicht vergessen, dass es zwischen dem Anfang und dem, was wir für das „Ende“ halten, noch eine ganze Menge zu erleben gibt.

Ein paar Gedanken zum Schluss

Wenn du heute erfahren würdest, dass dir nicht mehr viel Zeit in diesem Leben bleibt, wie würdest du reagieren? Könntest du es akzeptieren? Oder würdest du daran denken, was du noch alles tun musst, bevor du in Frieden gehen kannst?

Ich glaube, dass die ehrliche Antwort auf diese Frage uns etwas zeigt, worüber wir selten nachdenken. Nämlich das, was wir wirklich vom Leben wollen. Also worauf warten? Das Leben ist kurz.

Die vielleicht komfortabelste Einstellung ist diese: „Wenn es jetzt zu Ende wäre, wäre es in Ordnung. Aber wenn ich noch mehr Zeit bekomme, dann weiß ich jetzt, wofür ich sie nutzen möchte.“

Ob es wohl jemanden gibt, der aufrichtig so denkt und entsprechend handelt? Vielleicht. Eine faszinierende Vorstellung, findest du nicht?

Dieser Blogartikel eröffnet mehr Fragen als er beantwortet. Vielleicht habe ich deshalb so lange gezögert, ihn zu veröffentlichen. Aber dann dachte ich mir: Ein guter Ratgeber liefert nicht die besten Antworten. Manchmal stellt er einfach die richtigen Fragen 🙂

In diesem Sinne: Viel Freude beim Grübeln!

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelbild: Unsplash.com, Johannes Plenio