Berechtigte Frage, wie ich finde… 

Ich kann dir nicht sagen, wie oft man mir bereits sagte: „Du machst dir zu viele Gedanken.“
Doch ich versichere dir, dass es sehr viele Male waren. Zu viele.

Früher brachte mich das zum Schweigen. Ich hielt dann inne und reflektierte. Ich fühlte mich schlecht und warf mir vor, klassisches „Overthinking“ zu betreiben, also zu viel zu grübeln. Ich ließ mich von anderen behandeln, als wäre ich dumm oder schlecht, weil ich viel hinterfrage, sehr rücksichtsvoll bin, Sachverhalte gerne aus verschiedenen Perspektiven betrachte oder schlicht und einfach gerne nachdenke.
Früher war das so.

Wenn mir heute jemand sagt: „Du machst dir zu viele Gedanken.“, dann antworte ich automatisch: „Vielleicht machst du dir zu wenige Gedanken.“
Und dann bin ich nicht mehr derjenige, der erstaunt schweigt. Es ist mein Gegenüber, das mich ansieht, als hätte ich gerade eine Ohrfeige ausgeteilt.

Klingt das gemein? Vielleicht. Doch irgendwann wurde mir klar, dass es deutlich gemeiner ist, einem sensiblen Menschen mit tiefen Gefühlen und einem wachen Intellekt ständig das Gefühl zu geben, etwas falsch zu machen. Denn der sensible Mensch neigt dazu, durch solche Kritik in tiefe Selbstzweifel zu stürzen. Und stellt sich jemals jemand die Frage, ob es gemein ist, solche Gefühle auszulösen?

 

Eine gesunde Mitte?

Ich gebe gerne zu, dass zu tiefes Grübeln uns lähmen kann. Oft hält es uns davon ab, ins Handeln zu kommen. Vor allem dann, wenn wir uns nach Veränderung sehnen. Und weil wir das als Gesellschaft erkannt haben, haben wir auch angefangen, auf dem „Overthinking“ rumzuhacken. Wenn man sich mal anschaut, wie viele Bücher es allein zu diesem Thema gibt… Himmel, ich habe ja selbst schon darüber nachgedacht, eines zu schreiben.

Doch wie bei so vielen Dingen des Lebens macht die Dosis das Gift. Eine gesunde Mitte ist erstrebenswert. Und wenn wir diese nicht finden, sondern die Kritik an tiefem Denken salonfähig machen, passiert etwas, wovon niemand etwas hat: Die gründlich Denkenden schweigen, um nicht negativ aufzufallen. Die wenig Denkenden bekommen mehr Raum, welchen sie auch einnehmen.
Tiefe wird abgelehnt. Oberflächlichkeit wird zur Norm. Und wenn wir mal ganz ehrlich sind: Ist das nicht ein Teil der Entwicklung, welche wir seit einer Weile in unserer Gesellschaft beobachten können?

Oder anders gefragt: Macht unsere Gesellschaft auf dich etwa den Eindruck, dass sie mehr Oberflächlichkeit vertragen könnte?

Nicht jedes tiefe Denken ist zielloses Grübeln. Nachdenklichkeit ist nicht automatisch ein Fehler, der durch Aktionismus behoben werden muss.
Grübeln wird problematisch, wenn es uns lähmt. Wenn wir uns in Gedankenschleifen verlieren, ohne zu Erkenntnissen oder Entscheidungen zu kommen. Wenn wir immer wieder dieselben Szenarien durchspielen, ohne einen Schritt nach vorne zu gehen. Das ist real. Das ist anstrengend. Und ja, das kann uns Energie rauben.

Aber gründliches Denken, echtes Reflektieren, das Abwägen von Konsequenzen, das Eröffnen und Durchspielen anderer Perspektiven, das ist etwas völlig anderes. Das ist kein Fehler im System. Das ist eine Stärke. Eine, die – meiner bescheidenen Meinung nach – in einer komplexen Welt nicht weniger, sondern mehr gebraucht wird. Wir führen kein simples Leben, in dem jede Frage mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden kann. Die richtigen Entscheidungen zu treffen, braucht Feingefühl. Und dieses Feingefühl erreichen wir nicht, indem wir uns weniger Gedanken machen, sondern indem wir uns und unser Leben gründlicher hinterfragen. Das macht uns nicht schwach. Es macht uns sorgfältig und verantwortungsvoll.

In unserer Gesellschaft herrscht Ungeduld. Alles soll schnell gehen. Entscheidungen, Meinungen, Urteile. Und damit kratze ich wirklich nur an der Oberfläche. Ich meine, lass uns doch mal ehrlich sein: Wer nimmt sich denn noch ausreichend Zeit für irgendetwas? Wir leben in einer Welt, in der es für alles eine schnelle Lösung geben muss. Wer in diesen Zeiten sorgfältig ist und auch entsprechend sorgfältig mit seinen Gedanken umgeht, gilt als unsicher. Wer zweifelt, gilt als instabil. Wer Fragen stellt, ist automatisch schwierig. Wer viel fühlt, ist zu empfindlich. Wir haben irgendwann damit angefangen, emotionale und intellektuelle Tiefe als etwas Schlechtes zu bewerten, während diese Eigenschaften in Wirklichkeit ein großer Teil vieler Lösungen zu modernen Problemen sein könnten.

Das Tragische daran ist: Viele der gründlich Denkenden ziehen sich zurück. Nicht, weil sie nichts mehr zu sagen hätten, sondern weil sie gelernt haben, dass ihre Art zu denken nicht erwünscht ist. Sie halten sich zurück, um nicht als kompliziert zu gelten. Sie sagen weniger, obwohl sie mehr sehen. Und genau hier entsteht ein Ungleichgewicht. Denn während die Nachdenklichen leiser werden, werden andere lauter. Mit schnellen Meinungen, einfachen Parolen und oberflächlichen Antworten. Nicht, weil diese besser wären, sondern weil sie leichter zu hören und leichter zu konsumieren sind.

Das soll kein Vorwurf an Menschen sein, die pragmatisch denken oder schnelle Entscheidungen treffen. Auch das hat seine Vorzüge. Aber wenn wir als Gesellschaft anfangen, Nachdenklichkeit aus Prinzip abzuwerten, verlieren wir etwas Wertvolles: Die Fähigkeit zur Differenzierung.
Das Leben ist eben nicht nur schwarz und weiß. Und für all das, was zwischen den Extremen liegt, können Feingefühl und differenziertes Denken nicht schaden.

Du bist nicht das Problem.

Falls du zu den Menschen gehörst, denen man immer mal wieder vorwirft, sich zu viele Gedanken zu machen, dann möchte ich dir heute sagen: Du bist nicht das Problem. Ja, du wirst dir oft selbst im Weg stehen, weil du oft grübelst und deshalb nicht immer so souverän handelst, wie es vielleicht besser wäre. Aber vergiss bitte auch nicht, wie stark es ist, sich in einer schnellen und lauten Welt ein wenig Zeit zu nehmen, um die Tiefe zu suchen. Denn so viel steht fest: Die Welt noch schneller und lauter zu machen, wird viele unserer modernen Probleme nicht lösen. Aber mal zu entschleunigen und gründlich zu hinterfragen, was hier passiert, könnte der Beginn vieler produktiver Ansätze sein.

Also wenn das nächste Mal jemand sagt: „Du machst dir zu viele Gedanken!“, dann lächle. Atme durch und frage dich, ob du dir wirklich zu viele Gedanken machst oder dein Gegenüber zu wenige.

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

Titelbild: Unsplash.com, Laura Chouette