Hand aufs Herz: Wir alle haben sie…

Niemand ist perfekt und das ist vielleicht auch gut so. Wir alle haben mit gewissen Schwächen zu kämpfen, weil wir einfach nur Menschen sind. Wenn man sich jedoch intensiv mit der Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetzt, dann könnte man den Eindruck bekommen, es ginge darum, nie wieder Fehler zu machen oder alle Schwächen auszumerzen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich zugeben, dass ich das tatsächlich eine Zeit lang geglaubt habe. Es gab eine Phase, in der ich versucht habe, fehlerfrei zu werden und all meine Schwächen abzulegen. Wie du dir denken kannst, bin ich natürlich kläglich gescheitert 🙂

Es gibt Schwächen, an denen wir arbeiten können und jene, die sich trotz größter Mühen immer wieder durchsetzen. So können wir zum Beispiel schlechte Gewohnheiten ablegen (Rauchen, Ungesundes essen, usw.), aber tief verankerte Charakterzüge werden wir nicht so einfach los. Und das ist vermutlich auch gut so, denn viele unserer Schwächen sind nicht immer Schwächen.

Mit der Zeit habe ich gelernt, dass viele als „Schwächen“ interpretierte Eigenschaften auch sehr nützlich sein können. Sie formen uns. Sie zeichnen uns aus. Sie machen uns zu der Person, die wir sind. „Schwächen“ sind sie immer nur dann, wenn sie in einer bestimmten Situation zu einem Nachteil führen. Ich glaube, dass wir unsere Schwächen nicht komplett ablegen müssen. Wir müssen sie nicht für immer verbannen. Vielleicht reicht es, wenn wir unseren Frieden mit ihnen machen, aber gleichzeitig auch die Kraft haben, gegen sie anzugehen, wenn sie kurz davor sind, Schaden in unserem Leben anzurichten.

Das klingt ein wenig verwirrend, nicht wahr? Das denke ich sogar selbst. Um zu veranschaulichen, was ich meine, spreche ich heute über eine meiner größten Schwächen und darüber, wie ich mittlerweile mit ihr umgehe.

Die gute alte Ungeduld

Ich bin ein höchst ungeduldiger Mensch. Man sagt, Vorfreude sei die schönste Freude, aber für mich ist sie die pure Folter. Ich frage mich ständig, warum man auf etwas warten soll, mit dem man ohnehin fest rechnet. Zählt im Leben nicht das Hier und Jetzt? Ich beschenke meine Freunde und Familie immer weit vor den Feiertagen, weil ich es einfach nicht abwarten kann, ihnen eine Freude zu machen. Wenn etwas gesagt werden muss, dann kommt es mir einfach über die Lippen. Wenn ich Dienstleister oder Mitarbeiter mit etwas beauftrage, dann wünschte ich, der Auftrag wäre bereits nach 3 Sekunden fertiggestellt. Es fällt mir schwer, geduldig mit mir selbst zu sein. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich fast jedes Jahr 2 Bücher veröffentliche, obwohl ich es auch ruhiger angehen könnte.

Vielleicht kommt dir das bekannt vor. Viele von uns sind ungeduldig. Wenn du auch ungeduldig bist, dann weißt du vielleicht, wie oft man sich über sich selbst ärgert. Manchmal richtet die Ungeduld Schaden im eigenen Leben an. Zum Beispiel dann, wenn wir andere Menschen unter Druck setzen und ihnen nicht die Zeit geben, in Ruhe über etwas nachzudenken. Oft machen wir uns selbst Stress und versauen uns damit unnötig den Tag. Hin und wieder erlebe ich sogar, dass ich im Geschäft Dinge überstürze und gewissen Projekten nicht die nötige Zeit zur Reife lasse. Wirklich ärgerlich. In solchen Fällen erinnere ich mich daran, dass eine Blume nicht schneller wächst, wenn ich an ihr ziehe. Meistens hilft das und ich werde wieder ruhiger. Ich diszipliniere mich und denke daran, wie lästig es ist, ungeduldig zu sein. Aber, ist es das wirklich?

Betrachtet man die Dinge aus einer anderen Perspektive, dann ist meine Ungeduld auch an vielen meiner Erfolge beteiligt. Sie sorgt dafür, dass ich effizient arbeite und meine Produktivität auf andere übertrage. Sie hilft mir dabei, das Leben und die Zeit wertzuschätzen. Ich gestalte jeden meiner Tage wie ein Abenteuer und versuche, das Beste daraus zu machen. Außerdem kann ich auf diese Weise viel Mehrwert für andere erschaffen. Am Ende des Tages gar nicht so übel, oder?

Eine Perspektive, die sich bewährt hat

Der Schlüssel zum Glück könnte (wie so oft) darin liegen, die richtige Balance zu finden. Ich habe die Ungeduld lange als bloße Schwäche betrachtet, aber diese Sichtweise ist viel zu einseitig. Alles hat sein Für und Wider. Die Kunst liegt darin, zum richtigen Zeitpunkt zu erkennen, wann uns etwas schadet und wann es nützt.

So führt zum Beispiel Gutmütigkeit dazu, dass wir oft ausgenutzt werden. Sie macht uns verletzlich und wird deshalb als Schwäche angesehen. Sie zeichnet jedoch auch einen großzügigen und liebenden Menschen aus. Sie kann Menschen verbinden und in manchen Fällen für jemanden, der gerade gar nichts hat, einfach alles bedeuten.

Welche Schwäche du auch haben magst: Entdecke, welche Vorteile sie in dein Leben bringt. Anschließend kannst du dich immer noch mit der Frage beschäftigen, wie die richtige Balance bei dir aussieht.

Ich persönlich möchte nicht aufhören, ungeduldig zu sein. Wäre ich geduldig, gäbe es so schnell kein neues Buch von mir. Neue Blogartikel könnten noch ein wenig warten und ich würde mir mit meiner Persönlichkeitsentwicklung vermutlich Zeit bis zu meinem zweihundertsten Geburtstag lassen.
Gleichzeitig möchte ich jedoch auch gut darauf aufpassen, dass ich mich und andere Menschen nicht zu sehr unter Druck setze. Ich möchte nicht vergessen, dass ich eine Blume zerstöre, wenn ich an ihr ziehe, anstatt sie schneller wachsen zu lassen. Es ist alles eine Frage von Übung und Erfahrungen.

Vielleicht bist du also gar nicht so „schwach“, wie du bisher dachtest. Vielleicht ist dir bisher einfach noch nicht klar gewesen, wie viel Gutes deine „Schwächen“ in sich haben.

Ich hoffe, dass ich dir mit diesen Gedanken einen Impuls zu einer positiveren Selbstwahrnehmung geben konnte. Welche Schwächen hast du eigentlich, hinter denen du früher oder später auch etwas Gutes entdeckt hast?

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelbild: Unsplash.com, © Nik Shuliahin