Man kann schließlich nie auslernen…

Ja, du hast richtig gelesen. Ich habe tatsächlich etwas von einer Pizza lernen können. Also, nicht direkt von einer Pizza, schließlich sprach sie nicht zu mir. Stattdessen lehrte das Pizzabacken mich eine wichtige Lektion.

In meiner späten Jugend hatte ich viele Nebenjobs, um mir meinen Traum von der Selbstständigkeit möglichst bald erfüllen zu können. Dazu gehörte ein Job in einer Pizzeria. Dort lieferte ich nicht nur aus, sondern stand hin und wieder auch am Ofen. Abgesehen davon, dass mir das erstaunlich viel Spaß machte, lernte ich auch Einiges dabei. Nicht nur die klassischen Lektionen über Fleiß, die Härte des Alltags und Wissenswertes aus der Küchenwelt. Nein, in der Zubereitung einer Pizza lässt sich auch ein zutiefst philosophischer Ansatz finden!

Die wichtigste Zutat

Weißt du, was die wichtigste Zutat einer guten Pizza ist? Es ist die Ruhe, bzw. Geduld. Ein guter Pizzateig muss mindestens einen Tag lang ruhen, bevor er verwendet wird. Dann geht er auf, bekommt eine bessere Konsistenz und ein intensiveres Aroma.
Dasselbe gilt auch bei der Zubereitung. Ich erinnere mich an viele Situationen, in denen ich eine Pizza aus dem Ofen holen wollte, aber dann von meinem Chef gestoppt wurde, mit den Worten: „Noch nicht! Gib ihr Zeit.“

Es ist wirklich erstaunlich: Nur noch ein paar Sekunden zu warten, kann einen großen Unterschied machen. Der Boden wird knuspriger, der Geschmack des Belags intensiver und die Kruste fester.
Holt man die Pizza nur wenige Sekunden zu früh aus dem Ofen, zerstört man, worauf man so lange hingearbeitet hat.

Was wir daraus lernen können

Keine Sorge, ich bin nicht verrückt 🙂 Es hat einen guten Grund, dass ich dir von der Pizza erzähle.

Im Laufe der darauf folgenden Jahre stellte ich fest, dass mich viele Situationen an die Zeit vor dem Pizzaofen erinnerten. Manchmal fehlt uns im Alltag die Geduld, um etwas wirklich gut werden zu lassen. Nicht nur in der Küche!

Zum Beispiel beim Kennenlernen von Menschen kommt es vor, dass wir uns zu wenig Zeit nehmen, um das Ganze reifen zu lassen. Wir vertrauen zu schnell, machen zu schnell Nägel mit Köpfen und wundern uns dann später, warum diese Bekanntschaft uns nicht gut getan hat. Dabei ist Freundschaft doch etwas, das reifen muss. Gerade der Anfang ist magisch, also warum sollte man ihn nicht auskosten und ihm all die Zeit geben, die er braucht? Warum sollte man zu schnell Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen, sich gegenseitig einengen und somit durch seine Ungeduld zerstören, was hätte wunderbar sein können?

Ein weiteres Beispiel: Du meldest dich im Fitnessstudio an und setzt dir ein ambitioniertes Ziel. Du möchtest irgendwann bei einer bestimmten Übung 100 kg heben können. Aktuell schaffst du nur 20 kg, aber das macht nichts. Du nimmst dir vor, dir diesen Erfolg Stück für Stück zu erarbeiten.
Während deines Trainings merkst du, dass du dich pro Monat um 10 kg steigern kannst, was dich unglaublich motiviert. Du ziehst dein Training regelmäßig durch und nach einem halben Jahr schaffst du bereits ganze 80 kg! Dieses Erfolgserlebnis beflügelt dich, aber es macht dich ebenso ungeduldig. Du hast Erfolgsluft geschnuppert und willst nun auf den Gipfel. Beim nächsten Training stünden eigentlich 90 kg auf dem Plan, aber du bist hochmotiviert und überspringst eine Stufe. Mutig entscheidest du dich dafür, dich direkt an die 100er-Marke zu wagen. Es kommt, wie es kommen muss: Du verletzt dich, fällst für einige Wochen aus und machst Rückschritte. Außerdem verlierst du deine Motivation. Du warst so kurz vor deinem Ziel, doch ein kurzer Moment der Ungeduld machte dir zunichte, worauf du monatelang hingearbeitet hast.

Es lassen sich noch viele Beispiele dieser Art finden. Was fällt dir spontan dazu ein?

Schritt für Schritt

Ich schreibe gerne über die Vergänglichkeit des Lebens und darüber, dass wir nicht zögern sollten, wenn es um das Erfüllen unserer Träume geht. Der heutige Artikel könnt daher etwas widersprüchlich wirken, doch das ist er nicht. Wir sollten nicht damit zögern, unseren persönlichen Zielen entgegenzugehen. Wenn wir dann endlich auf dem Weg sind, sollten wir nichts überstürzen. Unsere Zeit ist immer dann am besten investiert, wenn sie unserem Glück dient.

Denk heute einfach mal in Ruhe darüber nach, wann du zuletzt einen Rückschlag hattest, weil du ungeduldig warst. Wenn du zu einem Ergebnis gekommen bist, dann frage dich, wie du das in Zukunft vermeiden kannst. Bist du vielleicht aktuell in einer Situation, in der dir diese Erkenntnis nützen könnte?

Mit dieser Anregung verabschiede ich mich für heute. Ich wünsche dir ein wunderbares Wochenende und viel Geduld!

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelbild: Unsplash.com, Adam Kool