Unbequem, aber effektiv! 

Wenn man eine Coaching-Ausbildung macht, dann lernt man, seinem Gegenüber möglichst angenehme Fragen zu stellen. Man soll sich die Sympathie des anderen verdienen und eine positive Atmosphäre erschaffen. Deshalb stellt man leichte Fragen, wie zum Beispiel:

  • „Was macht dir eigentlich am meisten Spaß?“
  • „Was möchtest du noch erleben?“
  • „Was würde dich glücklich machen?“

Ich mag solche Fragen nicht. Ich stelle sie nicht. Denn ich verstehe und respektiere, dass Menschen zu mir kommen, weil sie endlich etwas in ihrem Leben verändern wollen. Sie kommen nicht, um meine besten Freunde zu werden. Sie kommen nicht, damit ich ihnen Honig um den Mund schmiere. Sie kommen, damit ich ihnen helfe. Und ich helfe ihnen nicht, indem ich es ihnen leicht mache.

Wenn ich einen Fitnesstrainer beauftrage, dann gehe ich ja auch nicht zu ihm, um etwas zu tun, das leicht ist. Ich gehe dorthin, um das zu tun, was ich viel zu lange nicht getan habe. Es soll nicht leicht sein. Genauer gesagt: Es darf nicht einmal leicht sein. Denn wenn es leicht wäre, ließe es mich nicht wachsen.

Ich habe über das Leben begriffen, dass Wachstum nur durch Herausforderung und Widerstand entsteht. Kein Muskel ist jemals gewachsen, weil das Workout so angenehm und leicht war. Kein Mensch hat jemals aus der Komfortzone heraus etwas Bedeutsames getan. Und somit wächst auch unsere Persönlichkeit nur, wenn wir sie herausfordern und einige unserer tiefsten Überzeugungen, unserer alltäglichen Denkweisen und unserer Routinen kritisch hinterfragen.
Also lass uns heute genau das tun. Dich erwarten 7 Fragen, die Gewohntes in Frage stellen und neue Perspektiven eröffnen.

 

1. Was stört dich an deinem Leben, obwohl du es längst hättest ändern können?

Wir alle machen Kompromisse. Wir alle leben mit Dingen, mit denen wir nicht leben müssten. Manchmal, weil diese Kompromisse völlig in Ordnung sind und wir gelernt haben, für das dankbar zu sein, was gut ist, anstatt uns über das zu beschweren, was uns stört. Manchmal haben wir schlicht und einfach Ausreden. Wir würden gerne etwas verändern, aber finden immer eine Ausrede dafür, es nicht zu tun. Und manchmal haben wir schlicht und einfach Angst davor, die Komfortzone zu verlassen.

Ich sage nicht, dass wir von heute auf morgen alles verändern sollten. Aber hin und wieder sollten wir uns ehrlich mit der Frage auseinandersetzen, was uns stört, obwohl es längst anders sein könnte. Es ist deshalb unbequem, weil es uns mit unseren Ängsten und Ausreden konfrontiert. Aber genau deshalb ist diese Frage auch so wertvoll.

Woher ich das weiß? Ich bin ein Meister darin, mich mit dieser Frage zu quälen 😉

 

2. Was würdest du tun, wenn du keine Angst vor Konsequenzen hättest?

Sind wir mal ehrlich: Es ist nicht so, dass wir nicht können. Es ist eher so, dass wir uns nicht trauen. Und das gilt für viele, viele Bereiche unseres Lebens. Wir könnten so vieles tun, das wir uns von Herzen wünschen. Aber wir wissen, dass jede Entscheidung Konsequenzen mit sich bringt. Und wir haben Angst davor, diese Konsequenzen nicht tragen zu können.

Das wirft die interessante Frage auf: Wenn du keine Konsequenzen fürchten müsstest, also wenn du nicht scheitern könntest, was würdest du dann tun? Wie würdest du dein Leben führen? Wie würde sich dein Alltag verändern?

Mit dieser Frage bekommen wir einen Blick dafür, wie enge Grenzen wir uns selbst setzen, weil wir nicht immer das Vertrauen in uns haben, mit den Konsequenzen unserer Entscheidungen zu leben.

 

3. Welche Wahrheit über dich selbst möchtest du nicht wahrhaben?

Wir Menschen sind ziemlich gut darin, uns selbst Erklärungen zu liefern. Wir erklären uns, warum wir etwas Bestimmtes nicht geschafft haben. Warum eine Beziehung gescheitert ist. Warum wir immer wieder an die falschen Menschen geraten. Warum wir unglücklich in unserem Job sind, aber nichts daran ändern. Warum andere uns nicht verstehen. Oft stimmen diese Erklärungen sogar. Manchmal aber nicht.

Vielleicht ist die unangenehme Wahrheit, dass es eben nicht immer nur an den anderen liegt. Dass der Chef nicht ausschließlich ein Idiot ist. Dass wir nicht durch Zufall an Menschen geraten, die uns enttäuschen. Dass wir nicht durch Unglück ein Ziel nicht erreichen konnten, sondern durch mangelnden Einsatz (egal ob Verantwortung, Zeit, Energie oder was auch immer).

Das sind ziemlich unangenehme Gedanken, und natürlich müssen sie nicht zwangsläufig auf dich zutreffen. Aber manchmal treffen sie eben doch auf uns zu. Und solange wir eine Wahrheit nicht wahrhaben wollen, können wir nicht mit ihr arbeiten. Deshalb lade ich dich dazu ein, offen zu hinterfragen.
Es geht nicht darum, sich selbst Vorwürfe zu machen. Es geht nicht darum, sein eigenes Selbstwertgefühl zu sabotieren. Es geht um die Chance, eine neue, sehr ehrliche Perspektive zu eröffnen. Also: Welche Wahrheit über dich selbst möchtest du nicht wahrhaben? Und was könntest du dagegen tun?

 

4. Wem versuchst du immer noch etwas zu beweisen?

Wir sehen uns gerne als selbstbewusste Menschen, die es niemandem recht machen. Zumindest ist das ein Ideal, nach dem die meisten von uns streben. In der Realität ist es jedoch oft so, dass wir Erfolg nicht als Mittel zur Selbsterfüllung anstreben, sondern als Möglichkeit, uns vor anderen zu beweisen. Nimm dir einen Moment, um in dich zu gehen und ganz ehrlich zu dir zu sein: Wen willst du beeindrucken? Wem willst du etwas beweisen? Wen willst du davon überzeugen, dass er oder sie mit einem Urteil über dich im Unrecht war?

Ich sprach mal mit einem recht betagten Mann, der mir erzählte, er würde jeden Tag hart an sich arbeiten und sich weiterbilden, um seinem Vater zu beweisen, dass dieser Unrecht damit hatte, nicht an ihn geglaubt zu haben.
Ich fragte ihn: „Wie alt ist dein Vater inzwischen?“
Er antwortete: „Ach, der ist schon seit über 20 Jahren tot.“

 

5. Was müsstest du loslassen, um weitergehen zu können?

Wenn wir über Veränderung und Weiterentwicklung sprechen, geht es meist darum, was wir zusätzlich brauchen. Mehr Selbstbewusstsein, mehr Disziplin, mehr Wissen, mehr Mut, mehr Geld, usw.
Dabei bestehen Veränderung und Weiterentwicklung erstaunlich oft nicht aus dem, was wir zusätzlich brauchen. Oft liegt der Trick darin, etwas loszulassen.

In anderen Worten: Frag dich nicht, was du noch tun kannst. Frag dich, was du lassen kannst. 

Manchmal sind es Verhaltensweisen, manchmal sind es Beziehungen. Oft sind es unrealistische Idealvorstellungen. Ebenfalls beliebt sind alte Gefühle, wie zum Beispiel Reue oder Schuldgefühle. Und manchmal ist es ein Bild von sich selbst, das längst nicht mehr zu dem Menschen passt, der man heute ist.

In der Literatur klingt Loslassen immer sehr friedlich. Fast schon romantisch. So, als würde man seine Hand öffnen, um etwas davonfliegen zu lassen. Doch in Wirklichkeit kann das Loslassen sehr wehtun. Denn sogar Dinge, die uns nicht gut tun, können uns vertraut sein und uns auf skurrile Weise ans Herz wachsen. Und liegt es nicht in der Natur des Menschen, an Bekanntem festzuhalten, um sich nicht auf das Unbekannte einlassen zu müssen?
Vielleicht ist auch das ein oft übersehener Grund, warum das Loslassen uns schwerfällt…

Also sage ich: Frag dich nicht immer nur, welches Gepäck du dir noch aufladen kannst. Frag dich hin und wieder, was du aus dem Rucksack rausholen möchtest. 

 

6. Welche deiner Probleme kannst du tatsächlich beeinflussen?

Wer mal ein Buch von mir oder auch den ein oder anderen Blogartikel gelesen hat, weiß bereits, dass ich oft und gerne vom „Einflussbereich“ spreche. Das ist kein Zufall. Ein gesundes Bewusstsein darüber, welche täglichen Einflüsse wir kontrollieren können und welche nicht, ist eine der besten Voraussetzungen für ein glückliches und erfülltes Leben.

Wir verschwenden so viel Zeit und Energie für das, was wir nicht beeinflussen können. Währenddessen vernachlässigen wir, was wir sehr wohl verändern könnten. Es ist manchmal tragisch.

Das bedeutet natürlich nicht, dass uns alles egal sein sollte, was außerhalb des Einflussbereichs liegt. Es bedeutet nur, dass wir die Weisheit brauchen, um zu erkennen, was sich unserer Möglichkeiten entzieht. Und es bedeutet, dass wir die Geduld, den Mut und die Kraft brauchen, es zu akzeptieren.

 

7. Wenn du nichts veränderst, wie wird dein Leben in 10 Jahren sein?

Ich halte diese Frage für die vielleicht unangenehmste auf der Liste.
Wenn wir über unsere Zukunft nachdenken, malen wir uns normalerweise aus, was alles passieren könnte, wenn wir es schaffen, das zu tun, was wir uns vornehmen. Aber lass uns die Sache doch mal umdrehen:

Was passiert, wenn du nichts veränderst?

Stell dir vor, du veränderst nichts in deinem Leben. Du behältst deine heutigen Gewohnheiten. Du triffst weiterhin dieselben Entscheidungen. Du gehst mit deinem Körper genauso um wie heute. Du bleibst von denselben Mitmenschen umgeben und pflegst dieselben Beziehungen. Du arbeitest im selben Job in derselben Rolle. Du gehst mit deinem Geld und deiner Lebenszeit exakt so um wie heute.

Wo bringt dich das in zehn Jahren hin? 

Warum ich diese Fragestellung so mag? Weil sie ehrlich ist. Sie zeigt uns Schwachstellen, aber auch Potenzial. Sie kann uns Bestätigung oder Dringlichkeit vermitteln. Sie rüttelt uns wach und sie eröffnet neue Perspektiven.

 

Ein letzter Gedanke noch

Sinn und Zweck dieser Fragen ist nicht, uns ein schlechtes Gewissen zu machen. Wir müssen nicht sofort unser gesamtes Leben auf den Kopf stellen, wenn wir merken, dass diese Fragen uns auf etwas Unangenehmes hinweisen. Aber ja, wir dürfen uns mal aufwecken und aus der Komfortzone holen lassen. Das ist gut und gesund. Zumindest, wenn wir uns von all diesen Perspektiven motivieren lassen.

Ich stelle niemals unangenehme Fragen, um jemanden herunterzuziehen. Ich stelle unangenehme Fragen, um Menschen zu zeigen, wie viel Potenzial in ihnen steckt. Und ich hoffe sehr, dass auch du genau das in diesen Fragen erkennst.
Angenehme und fröhliche Fragen fordern uns nur selten heraus. Die Persönlichkeitsentwicklung ist keine Reise für jemanden, der es leicht haben will. Sie ist ein Abenteuer für jene, die bereit sind, über ihren Horizont hinauszublicken.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Grübeln und gute Reise 😉

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelbild: Unsplash.com, Jordan Madrid