Lass uns das mal ehrlich hinterfragen.
Wie die meisten bemerkt haben, fiel es mir in letzter Zeit schwer, wöchentlich einen Blogartikel zu veröffentlichen. Nicht etwa, weil ich keine Lust hätte. Nicht etwa, weil meine Leserinnen und Leser mir egal wären. Einfach deshalb, weil der goldene Käfig, also unser privilegiertes Leben, mir so viel abverlangt, dass ich schlicht und einfach nicht immer die Zeit und Energie finde, um jede Woche einen Beitrag zu schreiben und zu veröffentlichen.
Versteh mich bitte nicht falsch: Ich liebe, was ich beruflich mache. Ehrlich. Ich gebe bis zu 15 Coachings pro Woche und genieße es, Menschen auf ihrem Weg der Persönlichkeitsentwicklung unterstützen zu dürfen.
Ich liebe Bücher, ich liebe das Schreiben, und noch mehr liebe ich den Gedanken, dass es immer irgendwo jemanden gibt, der meine Gedanken in seinem Kopf hört und sich damit auseinandersetzt.
Ich bekomme ein wohliges Gefühl im Bauch, wenn ich daran denke, dass es ein paar tausend Gleichgesinnte gibt, die meine Blogartikel lesen und im Idealfall sogar ein wenig Inspiration darin finden.
Ich bin fasziniert von der Vorstellung, dass ich ein Video auf YouTube veröffentliche, das sich ein paar tausend Menschen ansehen.
Ich bin aufrichtig dankbar, sagen zu können, dass dies mein Beruf ist. Das bin ich.
Und dennoch erwische ich mich oft dabei, wie ich mich frage: „Wie natürlich ist das, was ich hier mache?“
Denn bei all diesen Aufgaben sitze ich an einem Schreibtisch, vor zahlreichen Bildschirmen. Wenn ich arbeite, bewege ich mich kaum. Ich bin nicht in Kontakt mit der Natur. Ich sitze nicht im Sonnenlicht. Die Luft, die durch meine Lungen strömt, ist nicht immer frische Luft.
Wenn ich darüber nachdenke, dass wir Menschen dazu konstruiert wurden, uns zu bewegen, zu rennen und zu springen, dann ist das schon verrückt. Wenn ich darüber nachdenke, dass wir Sonnenlicht und frische Luft brauchen, um gesund zu bleiben, ist es ebenfalls verrückt.
Und weißt du was? Ich bin damit nicht alleine. Die allermeisten von uns führen kein „natürliches“ Leben. Wir führen ein Leben, das „dem System“ angepasst ist. Und vielleicht ist das auch einer der Hauptgründe dafür, dass so viele von uns krank und unglücklich sind.
Denn wenn wir uns die Gesellschaft mal anschauen und WIRKLICH kritisch hinterfragen, was sehen wir dann? Wir sehen eine Gesellschaft, die funktioniert, aber keine Gesellschaft, die das Leben genießt.
Der goldene Käfig.
In Deutschland sprechen wir immer davon, wie gut es uns geht. Wir sprechen von modernen Städten und Häusern, intakten Straßen, einer starken Wirtschaft, guter Infrastruktur, einer erstklassigen medizinischen Versorgung, Wohlstand, individueller Freiheit, usw.
Lass uns mal kurz ausklammern, dass vieles davon ohnehin kurz davor steht, zu bröckeln und uns um die Ohren zu fliegen. Gehen wir mal davon aus, das alles seien stabile Merkmale unseres modernen Lebens.
Es sind großartige Privilegien, nicht wahr? Aber sie haben auch einen Preis. Dieser Preis ist, dass jeder einen Beitrag zum System hinter den Privilegien leisten muss. Und dieser Beitrag bedeutet in der Regel, einen Alltag zu bestreiten, in dem man funktioniert und eine Aufgabe erfüllt. Es geht nicht darum, sein Leben zu genießen. Es geht nicht darum, im Einklang mit irgendetwas zu sein. Es geht schlicht und einfach darum, eine Aufgabe zu erfüllen.
Wir werden dazu erzogen, unser Selbstwertgefühl daran zu koppeln, wie viel Leistung wir für das System aufbringen können. Wer das gut macht, wird reichlich belohnt. Nicht mit Freiheit, sondern mit mehr Besitz. Mehr Geld und mehr Sachen, die man sich damit kaufen kann.
Als glücklicher Mensch gilt nicht jemand, der viel Zeit im Freien verbringt, im Einklang mit der Natur ist und seine Zeit frei einteilen kann. Als glücklicher Mensch gilt man, wenn man viele „wichtige“ Dinge zu tun hat, ein teures Auto fährt, ein teures Zuhause hat und teure Kleidung trägt.
Ich selbst habe Jahre damit verbracht, mir diesen goldenen Käfig zu bauen. Ich erzähle gerne die Geschichte, wie ich mich mit wachsendem Besitz immer leerer fühlte. Ich hatte ein großes, luxuriöses Zuhause und ein paar schicke Autos vor der Türe. Und ich zahlte jeden Tag einen hohen Preis dafür, all diese Dinge zu haben, die mir im Grunde nichts gaben.
Natürlich bin ich da nicht der Einzige. Neulich erst sprach ich mit einem Ehepaar, beide Ende 30. Sie haben letztes Jahr ein Haus gebaut und sagten mir: „Irgendwie fühlt sich das seltsam an. Wir haben uns bis zum Lebensende für das Haus verschuldet. Aber wir sind kaum dort, weil wir den ganzen Tag arbeiten, um es abzuzahlen.“
Darüber hinaus ließen sich noch unzählige andere Beispiele dafür finden, wie wir uns einen goldenen Käfig bauen. Ich denke, du verstehst, worauf ich hinaus will.
Ich bin nicht hier, um irgendjemanden anzuklagen. Wir alle sitzen in diesem Boot. Und wir werden das System auch nicht ändern. Vielleicht ist das auch okay so.
Aber vielleicht sollten wir mal laut darüber nachdenken, wie wir wieder ein bisschen mehr „LEBEN“ in das Ganze bekommen.
Leben oder Funktionieren?
Vielleicht zeigt sich unser Verhältnis zum Leben am deutlichsten darin, wie schwer es uns inzwischen fällt, einfach mal nichts „Sinnvolles“ zu tun.
Stell dir vor, jemand erzählt dir, er habe an einem Dienstagnachmittag zwei Stunden lang mit einem guten Freund in einem Café gesessen. Sie haben Kaffee getrunken, miteinander gesprochen, gelacht und irgendwann festgestellt, dass zwei Stunden vergangen sind.
Was hat dieser Mensch in dieser Zeit geschafft? Nichts.
Zumindest dann nicht, wenn wir die Maßstäbe anlegen, nach denen wir unseren Alltag normalerweise bewerten. Er hat kein Geld verdient. Keine Aufgabe erledigt. Keine E-Mail beantwortet. Nichts produziert. Nichts optimiert.
Und trotzdem könnten es zwei der wertvollsten Stunden seiner gesamten Woche gewesen sein.
Ich finde es faszinierend, wie sehr wir inzwischen darauf konditioniert sind, selbst unsere Freizeit mit einem Zweck zu versehen. Wir gehen nicht einfach spazieren, sondern sammeln Schritte. Wir treiben Sport, um fitter zu werden. Wir hören beim Autofahren Podcasts, um uns weiterzubilden. Wir machen aus Hobbys Projekte und aus Interessen irgendwann Nebenjobs. Selbst Erholung soll möglichst effizient sein, damit wir anschließend wieder leistungsfähiger sind.
Aber wann tun wir eigentlich etwas, nur weil wir gerade am Leben sind und Freude daran haben? Wann „verschwenden“ wir Zeit, ohne sie als verschwendet zu betrachten?
Vielleicht liegt genau darin eines unserer größten Missverständnisse: Effizienz ist etwas Wunderbares, wenn sie uns dabei hilft, mehr Raum für ein gutes Leben zu schaffen. Sie wird problematisch, wenn das Leben selbst effizient werden muss.
Ich selbst muss mich daran immer wieder erinnern. Mein erster Impuls ist häufig noch heute, freie Zeit mit irgendeiner sinnvollen Aufgabe zu füllen. Da gibt es schließlich immer etwas zu erledigen, zu verbessern oder voranzutreiben.
Doch inzwischen frage ich mich häufiger: Was, wenn ich gerade überhaupt nichts vorantreiben muss?
Was, wenn ich einfach einen Kaffee trinken, durch den Wald laufen, mit meiner Frau reden, irgendwo sitzen oder in den Himmel schauen darf?
Was, wenn nicht jede Stunde meines Lebens einen Ertrag erwirtschaften muss, um wertvoll zu sein?
Vielleicht bedeutet Leben manchmal einfach nur, für einen Moment aufzuhören, aus seiner Zeit etwas „machen“ zu wollen und stattdessen einfach etwas mit ihr zu erleben.
Würde ich den goldenen Käfig aufgeben?
Ich würde die Privilegien des goldenen Käfigs dennoch nicht aufgeben wollen. Nicht nur, weil ich mich so sehr daran gewöhnt habe, sondern auch, weil ich viele der Privilegien schätze, genieße und liebe. Sie ermöglichen es mir beispielsweise, gerade diese Zeilen zu schreiben und mit euch zu teilen. Viele der modernen Errungenschaften, mit denen wir heute leben, sind ein Segen, das kann ich nicht bestreiten.
Aber vielleicht können wir es schaffen, aus dem „goldenen Käfig“ einen „Raum voller goldener Werkzeuge“ zu machen.
Neulich ist etwas Seltsames passiert: Es war ein Sommertag. Ich parkte mein Auto auf der Straße und machte mich zu Fuß auf den 5-minütigen Weg zu meinem Büro, als plötzlich ein kräftiger Regenschauer begann.
Instinktiv begann ich zu rennen, so wie alle anderen Menschen um mich herum. Doch plötzlich, als ich den Regen auf meiner Haut spürte, blieb ich stehen. Es fühlte sich gut an. Ich weiß, es klingt total verrückt, aber irgendwie fühlte ich mich lebendig. Ich fragte mich, wann ich das letzte Mal einen Sommerregen auf meiner Haut gespürt hatte und musste schockiert feststellen, dass ich mich nicht erinnern konnte.
Und so passierte es, dass ich im Regen stand, während um mich herum alle rannten und Deckung suchten. Anschließend war ich dankbar für das moderne Privileg, dass das Badezimmer in meinem Büro eine Dusche hat, denn ich war komplett nass, als ich ankam 🙂
Das Gefühl von Verbundenheit ist ein Luxus, kein spirituelles Gerede. Ein Spaziergang im Wald. Sonnenlicht auf der Haut. Frische Luft in den Lungen. Mit seinen bloßen Händen in Erde wühlen und eine Pflanze eintopfen. Die Füße im Sand eines Strandes vergraben. Das alles gehört zu unserer Natur dazu, denn wir sind ein Teil davon.
Zeit ist ein Luxus. Sich Zeit nehmen, um nichts Produktives zu tun. Sich Zeit nehmen, die man nicht mit irgendeiner Form von Unterhaltung füllt. Zeit, um einfach nur zu sein.
Bewegung ist ein Luxus. Wer das Privileg hat, sich bewegen zu können, sollte es auch nutzen. Freude an der Bewegung haben. Gesund sein. Die Vitalität spüren. Das Geschenk annehmen, welches das Leben uns gab.
Und es ist ebenfalls Luxus, sich frei dazu entscheiden zu können, diese Dinge zu tun.
Die Privilegien nutzen. Sich nicht für sie aufreiben.
Jemand sagte mir mal: „Es ist ein Unterschied, ob du für all das, was du hast, strampelst, oder ob du all das, was du hast, als Werkzeuge für ein gutes Leben benutzt.“
Heute hat diese Aussage einen höheren Stellenwert für mich als je zuvor.
Du und ich, wir beide wissen, dass wir das System nicht ändern werden. Vermutlich ist es auch besser so, dass wir nicht mehr leben wie zu Urzeiten. Aber ich denke, es kann nicht schaden, wenn wir hin und wieder versuchen, mehr Leben in unser Leben zu bringen. Nein, das ist kein Tippfehler. Das habe ich ganz bewusst so geschrieben.
Ich weiß nicht, was diese Gedanken bei anderen bewirken. Es sind einfach Dinge, die mich gerade beschäftigen. Auch wenn ich dankbar für vieles bin, so sehne ich mich oft nach einem einfacheren Leben. Nicht „einfacher“ im Sinne von „leichter“, sondern im Sinne von „simpler“. Und ich glaube, dass ich damit nicht alleine bin.
Vieles von dem, was ich hier schreibe, gehört zur Kategorie: „Leichter gesagt als getan“. Darüber hinaus werden viele meiner Aussagen auch kontroverse Gedanken auslösen, was völlig in Ordnung ist.
Ich bin nicht hier, um perfekte Lösungen anzubieten. Ich bin hier, um Gedanken zu teilen und Gleichgesinnte zu erreichen. Und natürlich hoffe ich wie immer, auch die ein oder andere Person da draußen inspirieren zu können.
Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael
Titelbild: Unsplash.com, Colton Duke







