Findest du nicht? 

Vor rund zwei Wochen veröffentlichte ich auf YouTube ein Video mit dem Titel: „Du bist nicht verrückt. Die Menschen sind wirklich seltsam geworden.“
In diesem ca. 10-minütigen Video gehe ich ruhig und sachlich auf einige der gesellschaftlichen Veränderungen ein, die ich im Laufe der letzten Jahre beobachtet habe. Es geht unter anderem um oberflächliche Kommunikation, fehlende Empathie, ungesunden Egoismus, usw.
Ganz oft spüren wir diese Entwicklungen, zweifeln dann aber an uns selbst. Wir fragen uns: „Liegt es etwa an mir? Kommt es nur mir so vor?“
Deshalb war es mir wichtig, ein kleines Zeichen in die Welt hinauszusenden, das sagt: Du bist nicht allein.

Inzwischen haben über 30.000 Menschen das Video gesehen und mehr als 500 davon haben unter dem Video kommentiert. Die allermeisten stimmen mir zu und erzählen von ihren eigenen Erfahrungen. Sie erzählen zum Beispiel, dass der Umgangston rauer geworden ist, oder dass sie das Gefühl haben, zu kaum jemandem eine tiefe Verbindung aufbauen zu können. Sie beschweren sich über das fehlende Miteinander und die allgemeine Respektlosigkeit, die leider salonfähig geworden ist.

Ich habe viele dieser Kommentare gelesen und auch einige davon beantwortet. Dabei wurde mir klar: Wir alle wissen es im Grunde. Wir alle spüren die Veränderung. Wir alle wissen, dass da etwas passiert, das nicht gesund sein kann. Und wir alle wissen im Grunde, dass es so nicht weitergehen kann.

Manchmal frage ich mich: Wie sind wir hier gelandet? Nicht als rhetorische Frage, sondern ganz ernsthaft. Was ist da passiert?
Ich meine, Gesellschaften verändern sich doch nicht über Nacht. Solche Entwicklungen dauern. Sie schleichen voran, bis wir irgendwann einen Punkt erreichen, an dem wir uns fragen: Wann ist das eigentlich passiert? Und, wie ich vorhin bereits fragte: WAS ist da passiert?

 

Wir kommunizieren nicht mehr

Die wahre Antwort darauf ist sicherlich höchst komplex. Ein Teil davon liegt jedoch auf der Hand. Wir leben in einer Zeit, die die Art und Weise, wie wir kommunizieren, fundamental verändert hat. Soziale Medien haben zwar die ganze Welt miteinander vernetzt, uns aber gleichzeitig einsamer denn je gemacht. Wir haben mehr Kontakte als je zuvor, aber gleichzeitig weniger echte Verbindungen. Wir senden täglich dutzende Nachrichten, aber führen immer seltener echte Gespräche.

Manche wissen gar nicht mehr, wie sich ein solches „echtes“ Gespräch anfühlt. Eines, bei man nicht auf sein Smartphone schaut. Eines, bei dem man nicht sofort Antworten und Lösungen haben muss, sondern einfach mal über etwas sinnieren kann. Eines, bei dem man einen Moment der Stille nicht mit Smalltalk füllen muss. Ein Gespräch, das nicht effizient sein muss, sondern reichlich Zeit und Raum bekommt.

Diese Art von Kommunikation wird seltener. Und wo es keine echte Verbindung mehr gibt, da gibt es auch weniger Notwendigkeit für Empathie.

Dann kommt noch hinzu, dass wir irgendwie alle gegeneinander aufgehetzt werden. Jung gegen alt. Frauen gegen Männer. Links gegen Rechts. Klimaschützer gegen „Leugner des Klimawandels“. Und das ist wirklich nur die Spitze des Eisbergs.
Und weil wir immer weniger kommunizieren, argumentieren wir auch nicht mehr. Wir diskutieren nicht. Wir tauschen keine Sichtweisen aus und suchen keine Kompromisse.
Entweder ist man auf derselben Seite oder man bekämpft einander. Und diese Atmosphäre ist spürbar. Man kann sie fast mit den Händen greifen.

 

Merkwürdige Zeiten

Manchmal bin ich erstaunt darüber, wie feindselig und misstrauisch die Gesellschaft geworden ist. Neulich erst geriet ich in eine seltsame Situation, als ich einer Dame die Tür aufhielt und sagte: „Bitte, nach Ihnen.“
Es ist das größte soziale Klischee überhaupt: Jemandem die Tür aufhalten. Aber ich bin halt altmodisch. Ich halte das für eine nette Geste. Die besagte Dame sah mich jedoch angewidert an und schnauzte: „Ich brauche keinen Mann, der mir die Tür aufhält. Das kann ich auch selbst.“

Das ist nur eines von vielen Beispielen, und ich höre fast täglich ähnliche Geschichten von meinen Mitmenschen. Es ist inzwischen weniger ein Miteinander und mehr ein „Jeder für sich“.
Das ist einfach schade.

Dieser Tage erst las ich, dass viele jüngere Menschen ernsthafte Ängste davor entwickeln, zu telefonieren oder im Restaurant mit einem Kellner zu sprechen.
Wir haben einen Punkt erreicht, an dem sich Kommunikation für viele falsch anfühlt. Aber wenn wir nicht mehr persönlich kommunizieren, wie wollen wir uns dann auf eine gemeinsame Lebensweise auf diesem Planeten verständigen?

Das alles sind nur ganz kleine Teile des Mosaiks. Es sind kleine Geschichten inmitten einer riesengroßen Entwicklung. Aber sie zeigen, wohin wir gerade steuern. Manchmal macht es einen wütend. Manchmal ist man eher traurig. Manchmal muss man es mit Humor nehmen, um nicht den Mut zu verlieren. Aber hauptsächlich fragt man sich, wie das weitergehen soll.

Und darauf möchte ich dir eine simple Antwort geben: Ja, viele Menschen sind seltsam geworden. Das ist nicht nur meine subjektive Wahrnehmung, sondern eine spürbare Entwicklung.
Aber das muss nicht heißen, dass du und ich auch seltsam werden.

Vielleicht hatte Gandhi recht, als er sagte, dass wir die Veränderung sein sollen, die wir in dieser Welt sehen wollen. Und deshalb mache ich weiter. Deshalb machen wir weiter.
Wir halten an unseren Werten fest. Wir glauben an etwas Gutes. Und wir geben Gutes weiter, wann immer wir können. Selbst wenn es nur eine Kleinigkeit ist, wie dieser Blogartikel. Wenn ich damit nur einem Menschen das Gefühl geben kann, nicht alleine zu sein, dann ist es mir die Mühe bereits wert.

In diesem Sinne: Lass dich nicht unterkriegen. Die Erde ist immer noch ein faszinierender Ort. Das Leben ist immer noch ein Wunder. Und du bist nicht allein.

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelbild: Unsplash.com, Sage Friedman