Eine problematische Entwicklung unserer oberflächlichen Gesellschaft.

Kürzlich erklärte mir eine junge Frau, ihr gutes Aussehen sei die Quelle ihres Selbstwertgefühls. Ich fand diese Aussage interessant, also hakte ich nach: „Was bedeutet das konkret?“

Sie erklärte mir: „Weil ich gut aussehe, bekomme ich alles, was ich will. Das ist auch nur fair, denn ich gebe mir ja auch viel Mühe dafür, gut auszusehen. Und du sagst ja selber immer, dass man Erfolgserlebnisse als Bestätigung braucht. Meine Erfolgserlebnisse sind, wenn ich sehe, dass ich besser behandelt werde, weil ich gut aussehe.“

Ich entschied mich für einen diplomatischen Gesprächsansatz. Also fragte ich: „Was, wenn sich dein, deiner Aussage nach, gutes Aussehen von heute auf morgen drastisch verändern würde? Vielleicht durch einen Unfall oder durch eine Krankheit. Würdest du dann nicht mehr alles bekommen, was du willst? Wäre das dann entsprechend auch fair? Würdest du ein schlechteres Leben verdienen oder als Mensch weniger wert sein, weil du objektiv betrachtet nicht mehr so attraktiv wärst wie heute?“

Sie überlegte nicht lange, sondern antwortete sofort: „Natürlich wäre das fair. Wenn ich hässlich wäre, würden sich weniger Leute für mich interessieren. Wie könnte ich dann noch selbstbewusst sein?“

Ich zögerte für einen Moment. Dann sagte ich vorsichtig: „Unsere Gesellschaft ist oberflächlich und betrachtet Jugend als Maßstab für Schönheit. Dieser Logik nach müsste dein Selbstwert mit der Zeit immer geringer werden. Denn du wirst älter, so wie wir alle. Wirst du in 30 Jahren weniger wertvoll sein als heute?“

Sie sah mich nachdenklich an, antwortete aber nicht. Als ich nach ein paar Momenten des Schweigens merkte, dass ich keine Antwort erhalten würde, sagte ich: „Dein gutes Aussehen interessiert mich recht wenig. Aber ich denke, dass du ein lieber Mensch bist und das Herz am rechten Fleck hast. Ich würde dich genauso mögen wie jetzt, auch wenn du 30 Jahre älter wärst. Auch wenn du keine Haare hättest. Auch wenn du 50 kg mehr wiegen würdest. Glaubst du mir das?“

Sie lachte und sagte: „Nein. Das kauf ich dir nicht ab.“

 

Was haben wir als Gesellschaft getan?

An dieser Stelle möchte ich etwas klarstellen, das mir sehr wichtig ist: Ich erzähle diese Geschichte nicht, um die besagte junge Frau bloßzustellen. Ich habe sie sogar um Erlaubnis gebeten, die Geschichte anonymisiert erzählen zu dürfen und ihr Einverständnis erhalten.
Ich urteile nicht im negativen Sinne über sie. Ich halte sie nicht für dumm oder oberflächlich. Stattdessen empfinde ich tiefes Mitgefühl. Es hat mich traurig gemacht, diese Unterhaltung zu führen. Denn ich weiß, dass kein Mensch mit solchen Ansichten zur Welt kommt.

Es ist unsere oberflächliche Gesellschaft, die wunderbaren Menschen ständig das Gefühl vermittelt, nicht gut genug zu sein.

Und genau hier liegt das eigentliche Problem.
Natürlich darf man sich darüber freuen, attraktiv zu sein. Natürlich darf es dem Selbstbewusstsein guttun, ein Kompliment zu erhalten. Natürlich kann es das Selbstwertgefühl stärken, wenn wir merken, dass wir auf andere anziehend wirken.
Daran ist nichts Verwerfliches.

Problematisch wird es allerdings, wenn oberflächliche Faktoren zur Bedingung für ein Selbstwertgefühl werden. Denn Bedingungen können sich ändern.

 

Selbstbewusstsein auf Zeit

Äußere Schönheit ist ein offensichtliches Beispiel für das Phänomen, mit dem wir uns hier beschäftigen, aber es gibt natürlich noch viele andere Beispiele. Lass mich das kurz erläutern:

Wir leben in einer oberflächlichen Gesellschaft, in der Jugend und Schönheit eng miteinander verbunden werden. Dieser Logik nach nimmt die gesellschaftlich wahrgenommene Schönheit mit zunehmendem Alter ab. Was völlig natürlich ist und überhaupt kein Problem sein sollte, wird zum Problem, sobald wir anfangen, unser Selbstwertgefühl von einem „schönen“ Aussehen abhängig zu machen. Denn in diesem Moment verpassen wir unserem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl ein Ablaufdatum.

Dasselbe passiert auch in vielen anderen alltäglichen Bereichen:

Was ist mit der Person, die ihren gesamten Selbstwert aus ihrer Karriere bezieht und plötzlich den Job verliert oder arbeitsunfähig wird?
Was ist mit der Person, die sich damit rühmt, alles ganz alleine schaffen zu können, und dann irgendwann auf Hilfe von außen angewiesen ist?
Was ist mit dem klassischen Karrieremenschen, der sich nur dann erfolgreich und „gut genug“ fühlen kann, wenn sein Kontostand wächst?
Was ist mit dem Sportler, der seinen Körper und seine Leistungsfähigkeit zu seiner gesamten Identität gemacht hat?
Was ist mit dem Menschen, der sich nur wertvoll fühlt, solange er von anderen gebraucht wird, und plötzlich feststellt, dass seine Kinder erwachsen sind und ihn nicht mehr brauchen?

All diese Dinge dürfen ein Teil unseres Selbstvertrauens sein. Wir können, dürfen und sollen auf unsere Leistungen, Stärken und Privilegien stolz sein. Aber vielleicht sollten diese Dinge nicht die einzigen Säulen unserer Persönlichkeit, unseres Selbstbewusstseins und unseres Selbstwertgefühls sein.

 

Was bleibt übrig, wenn all das wegfällt?

Erlaube mir, ein paar unangenehme Fragen in den Raum zu werfen:

  • Wer bist du, wenn du deinen Beruf nicht mehr ausüben kannst?
  • Wer bist du, wenn dein Körper nicht mehr so aussieht oder funktioniert wie heute?
  • Wer bist du, wenn niemand mehr von deinem Status oder Erfolg beeindruckt ist?
  • Wer bist du, wenn du nicht mehr jung bist?
  • Wer bist du, wenn jemand anderes attraktiver, erfolgreicher, stärker oder beliebter ist als du?
  • Wer bist du, wenn du nicht mehr so leistungsstark bist wie heute?

Was bleibt dann übrig?

Falls du glaubst, dass du dann keine Grundlage mehr für Selbstbewusstsein und ein gesundes Selbstwertgefühl hast, dann sollte dir jetzt klar werden, dass du den toxischen Narrativen unserer Gesellschaft auf den Leim gegangen bist.
Denn all diese Dinge verraten uns viel darüber, wie du aussiehst, was du machst, womit du dein Geld verdienst oder was du täglich leistest. Aber sie verraten uns herzlich wenig darüber, wer du BIST.

Wenn wir unseren Wert ausschließlich daraus ableiten, nach welchen Maßstäben uns die Gesellschaft bewertet, geben wir der äußeren Welt ziemlich viel Macht.

Dann entscheidet der Blick eines Fremden darüber, ob wir uns in unserer Haut wohlfühlen.
Dann entscheidet eine Beförderung darüber, ob wir uns erfolgreich fühlen.
Dann entscheidet ein Kontostand darüber, ob wir stolz auf uns sein dürfen.
Dann entscheiden andere darüber, ob wir uns liebenswert finden.
Und im schlimmsten Fall entscheidet irgendwann der Spiegel darüber, ob wir das Gefühl haben, überhaupt noch eine Relevanz zu haben.

 

Wir brauchen ein stabileres Fundament

Ich gönne der jungen Frau aus der Geschichte ihr gutes Aussehen. Ich wünsche ihr von Herzen, dass sie beim Blick in den Spiegel noch lange zufrieden sein wird.
Aber etwas anderes wünsche ich ihr von Herzen sehr viel mehr:

Dass sie irgendwann sieht, dass all das nur ein Teil von ihr ist, aber nicht die Grundlage ihres Selbstwerts.

Und das wünsche ich nicht nur ihr, sondern uns allen. Als jemand, der seinen Selbstwert selbst viel zu lange an äußere Erwartungen gekoppelt hat, verstehe ich, wie befreiend es ist, sich davon zu lösen.
Im Spiegel sehe ich einen Mann, mit dem ich sehr zufrieden bin. Ich sehe dort meinen besten Freund. Perfekt ist er nicht. Aber meine Güte, er ist eine treue Seele, das kann ich euch versichern. Das ist der Mensch, der jeden noch so schweren Moment meines Lebens mit mir durchgestanden hat.

Vielleicht ist das beste Fundament eines gesunden Selbstwertgefühls, wenn man in den Spiegel schauen kann und weiß, dass man sich auch dann noch wertvoll fühlen wird, wenn man den Erwartungen und Maßstäben der Gesellschaft nicht immer gerecht wird. Bis hierhin halte ich das zumindest für ein gesundes Rezept.

 

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelbild: Unsplash.com, Reyna