Schon mal darüber nachgedacht?

Wir haben von Anfang an gelernt, zu funktionieren. Wir haben gelernt, wie man sich anpasst. Wie man Erwartungen erfüllt. Wie wir dafür sorgen, dass andere uns loben, bestätigen und akzeptieren. Wir haben gelernt, im modernen Alltag zu überleben. Wie man arbeitet. Wie man Rechnungen zahlt. Wie man sich an Regeln hält. Wie man „vernünftig“ ist. Wie man effizient ist. Wir haben gelernt, Teil eines großen Hamsterrads zu sein, welches man „Alltag“ nennt. Wir haben gelernt, Routinen zu etablieren, denen wir Tag für Tag folgen. Und so komme ich zurück zu meinem ersten Satz: Wir haben von Anfang an gelernt, zu funktionieren.

Weißt du, was wir nicht gelernt haben? Wie man lebt. Wie man jeden Morgen aufwacht und aufrichtig dankbar dafür ist, am Leben zu sein. Wie man das Leben stets als Abenteuer betrachtet. Wie man jeden Tag über sich hinauswächst und seine Fortschritte zelebriert. Wie man Routinen durchbricht, um seinem Alltag Würze zu verleihen. Wie man seine Tage so gestaltet, dass man sich abends voller Vorfreude auf den nächsten Tag ins Bett legt.
Oder in anderen Worten: Wie man sich so richtig lebendig fühlt.

Es gibt ein Sprichwort, das sagt: „Die meisten Menschen sterben im Alter von 30 Jahren, werden aber erst mit 85 begraben.“
Ist das nicht eine traurige Aussage über das Leben in unserer Gesellschaft?
Wir haben aufgehört, daran zu glauben, dass das Leben uns Freude bereiten kann. Wir funktionieren und sitzen unsere Zeit ab, bis wir endlich nicht mehr funktionieren müssen. Und wir hoffen darauf, am Ende aller Anstrengungen noch genügend Zeit und Energie zu haben, um „noch etwas vom Leben zu haben“.

Irgendwie deprimierend, oder? Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass so viele Menschen deprimiert sind. Es liegt Unzufriedenheit in der Luft. Es ist fast so, als könne man sie mit den Händen greifen, während man sich durch den Alltag bewegt. Also frage ich mich: Was ist denn nur los mit uns? Warum sind wir so negativ? Seit wann genießen wir das Leben nicht mehr? Warum lassen wir zu, dass diese allgegenwärtige Negativität uns die Freude am Leben aussaugt?

Ich bin mir sicher, dass es viele Menschen gibt, die mir gute Antworten auf diese Fragen geben könnten. Ich selbst hätte da auch ein paar. Aber dennoch weigere ich mich, ein Schicksal zu akzeptieren, welches mir vorschreibt, im Hamsterrad des Alltags zu funktionieren, ohne das Wunder des Lebens in vollen Zügen zu genießen. Du und ich, wir sind am Leben. Und so sollten wir uns auch fühlen. Also findest du im Folgenden ein paar meiner Ansätze, die dieses Gefühl zurück in unseren Alltag holen.

 

„Lebendig sein“.

Ist dir mal aufgefallen, wie oft wir „vernünftig“ sind und das tun, was „getan werden muss“? Und ist dir auch aufgefallen, wie selten wir Freude empfinden und herzhaft lachen? Ich meine, so richtige Freude. Kribbeln im Bauch. Etwas tun, das so viel Spaß macht, dass wir gar nicht aufhören wollen. Etwas, das uns leicht fällt.
Und was ist mit Lachen? So sehr lachen, dass der Bauch wehtut und wir nach Luft ringen müssen. Wann tun wir das?

Dieser Tage brachte mich jemand dermaßen zum Lachen, dass ich Schluckauf bekam. Sofort fiel mir auf, wie lange das zuvor nicht mehr passiert war. Weißt du, allein aus den letzten Wochen kann ich dir dutzende Momente nennen, in denen ich hervorragend „funktioniert“ habe. Momente, in denen ich meinen Job gut gemacht habe, vernünftige Entscheidungen traf und ein verantwortungsbewusster Mitmensch war. Und auch wenn es viele schöne Momente und nette kleine Lacher gab, so gab es nur dieses eine Lachen, das mich fast vom Stuhl fallen ließ. Das brachte mich zum Nachdenken.
Wir lachen zu wenig. Und wenn wir selbst gerade nichts zum Lachen haben, dann sollten wir hin und wieder anderen eines schenken. Denn es sind diese Momente, in denen wir uns lebendig fühlen.

Und wenn wir schon über Freude sprechen, dann lass uns auch über Vorfreude reden. In einer Zeit, in der man alles zu jeder Zeit haben kann, freut man sich auf nichts mehr. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich mich auf den Freitagabend freute, weil dann ein bestimmter Film im Fernsehen laufen würde. Man ging einkaufen, kaufte Zutaten für ein leckeres Abendessen und ein paar Snacks. Man verabredete sich mit anderen. Und heute? Heute müssen wir auf nichts mehr warten, weil wir sofort alles haben können. Wir ziehen uns den Film zwischen Tür und Angel rein, während wir Hausarbeit machen oder mit dem Smartphone beschäftigt sind.
Deshalb habe ich vor einiger Zeit angefangen, kleine „Events“ für mich zu planen. Das muss nichts Großes sein. Aber ich achte darauf, Vorfreude empfinden zu können. Vorfreude auf ein Treffen. Vorfreude auf einen schönen Abend. Vorfreude auf einen Ausflug. Ich verbringe gerne Zeit damit, ein klein wenig zu planen und das Gefühl der Belohnung aufzuschieben.
Der Mensch ist nicht dazu gemacht, alles sofort haben zu können, was er begehrt. Manchmal brauchen wir auch etwas, worauf wir hinarbeiten können. Etwas, worauf wir uns freuen können. Etwas, das uns nicht nur kurz Freude bereitet, sobald wir es erhalten, sondern etwas, das uns viele Momente der Freude beschert, weil wir in großer Vorfreude darauf vorausschauen.

Selbstverständlich gehört dazu auch das Setzen großer Ziele. Die Erfolgskultur der modernen Gesellschaft lebt uns vor, dass Erfolg ein Moment ist, der erst eintritt, wenn wir ein Ziel erreicht haben. Was für eine traurige Perspektive, wenn man bedenkt, wie erfüllend es bereits sein kann, ein Ziel überhaupt nur zu verfolgen. Etwas zu haben, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Hinter jeder kleinen Aufgabe, die uns ein Stückchen näher zum Ziel bringt, einen tieferen Sinn zu erkennen und echte Motivation daraus zu schöpfen. „Der Weg ist das Ziel“ ist so viel mehr als nur eine Floskel. Und das sage ich als jemand, der diese Philosophie früher öffentlich kritisierte.

Ein wirklich gut gesetztes Ziel kann der größte Ansporn sein, nicht einfach nur zu funktionieren, sondern jeden Tag bewusste Entscheidungen zu treffen, die uns an einen bestimmten Punkt führen sollen. Und wie ich eben schon sagte: Die Vorfreude darauf kann uns viel Erfüllung geben.

 

Ist uns bewusst, dass wir leben?

Zu funktionieren heißt oft, im Autopilot durch das Leben zu navigieren. Ernsthaft, wenn wir uns mal ganz explizit mit dem Wort „Bewusstsein“ beschäftigen, dann fällt uns auf, wie unbewusst wir phasenweise leben. Wir sind einfach nicht bei der Sache. Wir tun, was wir tun müssen. Wie schon so oft in diesem Beitrag gesagt, funktionieren wir einfach.
Aber wie bewusst nehmen wir unser Leben wahr?

Oft versuche ich, meine Umgebung ganz bewusst wahrzunehmen. Ich rieche die frische Luft. Ich suche nach den kleinen Wundern um mich herum. Nach dem vielen Leben, den unzähligen Insekten, den Vögeln und anderen Tieren. Ich schaue mir die Pflanzen und Bäume an. Vor allem im Frühling, Sommer und Herbst bewundere ich die Landschaften und die Tatsache, wie wandelbar dieselben Orte sein können. Ich versuche, das alles aufzusaugen und ganz bewusst zu erleben. Es gibt mir das Gefühl, lebendig zu sein.

Ich versuche, nicht einfach nur aus Prinzip zu essen, sondern mit Intention. Ganz bewusst. Ich lege Wert darauf, zu genießen.
Ich versuche, in Gesprächen so präsent wie möglich zu sein. Mich voll darauf einzulassen. Die Gedanken nicht abschweifen zu lassen, sondern voll und ganz bei meinem Gegenüber sein.
Ich versuche, viele meiner täglichen Entscheidungen bewusst zu treffen. Nicht automatisch, nicht routiniert. Ganz bewusst.

Und wenn es mir gelingt, einen Tag lang sehr bewusst gewesen zu sein, dann fühlt es sich an, als wäre der Tag ewig lang gewesen.
Aber wenn ein Tag stressig war, ich von Termin zu Termin gehetzt bin, mir zwischen Tür und Angel etwas Essbares zwischen die Kiemen geschoben habe und einfach funktioniert habe, dann sitze ich abends auf dem Bett und denke: Wo ist der ganze Tag hin?

Vielleicht ist dir das auch schon aufgefallen. Ein unbewusstes Leben rauscht an uns vorbei. Ein bewusstes Leben bleibt. Es scheint die Zeit zu verlangsamen.
Und deshalb finde ich es so traurig, dass wir in einer Zeit und Gesellschaft leben, in der Menschen im Alter von 55 Jahren aufwachen und sagen: „Hey, Sekunde mal. Wo sind eigentlich die letzten 20 Jahre hin?“
Auch das ist eine Konsequenz des automatischen Funktionierens.

 

Welche Geschichte schreibst du?

Ich weiß nicht, was es mit dem Leben auf sich hat. Ehrlich, ich habe viele Theorien, aber keine Ahnung. Ich weiß nicht, warum wir hier sind. Ich weiß nicht, was nach dem kommt, das wir „Tod“ nennen. Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, einen Zweck zu erfüllen oder ob am Ende einfach alles gleichgültig ist. Keiner von uns weiß das. Die meisten von uns glauben an etwas. Aber niemand weiß es.

Angesichts dessen sage ich mir: Ich möchte eine schöne Lebensgeschichte erzählen. Eine, die mir gefällt. Es soll keine Geschichte darüber sein, wie ich funktioniert habe, ohne jemals zu hinterfragen.
Es soll eine Geschichte sein, die erzählt, wie ich das Beste aus dem machte, was das Leben mir gab. Eine Geschichte, die erzählt, dass ich nicht nur funktioniert, sondern auch gelebt habe.

Welche Geschichte du schreibst, liegt ganz bei dir. Jeder von uns muss das selbst entscheiden.
Ich bin nur hier, um dir zu sagen: Lass uns nicht immer nur funktionieren. Lass uns auch mal leben.

In der Hoffnung, dich dazu inspiriert zu haben, wünsche ich dir viel Spaß und Erfolg.

 

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelbild: Unsplash.com, Alexei Scutari