Ein Balanceakt, den wir nicht vernachlässigen sollten…

Stell dir bitte mal vor, du würdest in einer wunderschönen Hütte im Wald leben. Ein großer Teil deiner täglichen Aufgaben wäre es, vor der Hütte zu stehen und Feuerholz zu hacken. Und immer, wenn du erfolgreich ein größeres Stück Holz zu kleinerem Feuerholz verarbeitet hast, kommt jemand vorbei, schnappt sich die Holzscheite und sagt: „Dankeschön!“
Du lächelst, denn du gibst von Herzen gern. Du bist in dem Glauben aufgewachsen, dass es richtig ist, andere von deinen Mühen profitieren zu lassen. Es ist das, was dich zu einem guten und sozialen Mitmenschen macht. Also machst du weiter. Und weiterhin nimmt immer wieder jemand die frisch erarbeiteten Holzscheite mit.

Am Ende des Tages tut dir der Rücken weh. Deine Hände sind wund von der Arbeit mit der Axt. Du bist müde. Du willst einfach nur zurück ins Haus, duschen und es dir im Warmen gemütlich machen. Doch es gibt ein Problem: Du hast kein Feuerholz. Aber wie kann das sein? Du warst doch den ganzen Tag draußen und hast Holz gehackt.
Du läufst nach draußen und schaust dir dein kleines Holzlager an, um festzustellen, dass kaum etwas für dich übrig geblieben ist. Für einen kurzen Moment ist das frustrierend. Doch du gehst in dich und tröstest dich mit dem Gedanken, ein guter Mensch zu sein, der vielen anderen geholfen hat. Du wirst zwar heute Abend eine kalte Mahlzeit zu dir nehmen, dich mit kaltem Wasser waschen und in der Nacht frieren, doch der Gedanke, dass viele andere es dank deiner Mühen warm und gemütlich haben, muntert dich auf.

Und so geht das Spiel weiter. Tag für Tag. Woche für Woche. Und immer wieder lächelst du über den Schmerz hinweg. Lächelst, wenn andere dein Feuerholz mitnehmen. Lächelst, wenn du dich mit kaltem Wasser wäschst. Lächelst, wenn du mit schmerzendem Rücken im Bett liegst und frierst.
Du lächelst so lange, bis du irgendwann nicht mehr lächeln kannst. Und plötzlich wachst du morgens auf und fragst dich: „Warum sollte ich überhaupt noch aufstehen?“
Alles tut weh. Doch, was am meisten wehtut, sind nicht dein Rücken oder deine Hände. Es tut weh, nicht gesehen, gehört oder verstanden zu werden. Es tut weh, viel von sich zu geben, ohne echte Wertschätzung zu erfahren. Es tut weh, für andere da zu sein, während es sich anfühlt, als wäre niemand für einen selbst da. Es tut weh, Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer zu nehmen, wenn die eigenen Bedürfnisse ungesehen bleiben.

Kommt dir das bekannt vor? Kannst du dich in dieser Geschichte wiedererkennen? Das würde mich nicht überraschen.
In diesem Fall möchte ich dich bitten, die folgenden Zeilen aufmerksam zu lesen und dir zu Herzen zu nehmen.

 

Klartext.

In unserer Gesellschaft heißt es: „Wenn man von Herzen gibt, darf man keine Gegenleistung erwarten. Sonst kam es nicht von Herzen.“

Lies das bitte nochmal. Kannst du erkennen, was für eine gefährliche Aussage das ist? Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und sage, dass ich diese Einstellung für Blödsinn halte. Ich kann ja mal im Porsche-Autohaus vorbeischauen und dem Händler erklären, dass er mir ein Auto ohne Erwartung einer Gegenleistung schenken sollte, um sein gutes Herz unter Beweis zu stellen. Mal schauen, was dann passiert 😉

Etwas, das keinen Gegenwert hat, hat auch keinen Wert. Lies bitte auch diesen Satz nochmal. Und wenn wir schon dabei sind, können wir uns auch den folgenden Satz zwei Mal zu Gemüte führen: Wertschöpfung braucht Wertschätzung. 

Im Klartext heißt das: Was du und ich zu geben haben, hat einen Wert. Und dieser Wert muss widergespiegelt werden. Er muss erwidert werden. Man muss uns etwas zurückgeben. Denn wer ewig gibt, ohne etwas zurückzubekommen, hat irgendwann nichts mehr, das er geben könnte. Und in der Regel fangen die, die dann nichts mehr nehmen können, uns nicht auf. Sie sind enttäuscht und gehen.
Auch das ist eine traurige Erkenntnis, die wir nur auf die harte Tour lernen.

 

Gutmütigkeit ist keine Dummheit.

Der Grund dafür, dass ich all das so gut verstehen und nachvollziehen kann, ist simpel: Ich war selbst jahrelang Experte darin, in meinem eigenen Leben zu kurz zu kommen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich zugeben, auch heute hin und wieder sehr aufpassen zu müssen, dass das nicht wieder passiert. Denn wie ich bereits sagte: Wer von Herzen gerne gibt, gibt viel. Wer von Herzen gerne gibt, möchte nichts im Gegenzug erwarten. Und wer ständig gibt, ohne je etwas zurückzubekommen, erlebt früher oder später einen sehr kalten und sehr einsamen Winter in einer Hütte ohne Feuerholz.

In meinem Beruf als Coach und Berater treffe ich regelmäßig wunderbare Menschen mit großen Herzen, die emotional völlig ausgebrannt sind, weil ihnen genau das geschieht, was ich in diesem Artikel beschreibe. Es ist jedes Mal dieselbe Geschichte, nur die Details und Hintergründe sind jeweils etwas unterschiedlich. Ein Teil von mir freut sich stets über die gute Gelegenheit, zu helfen und Perspektiven zu geben. Ein anderer Teil von mir ist müde davon, dass es dieses Thema überhaupt gibt.

Ich halte es für ein Unding, dass man gutmütigen und warmherzigen Menschen einredet, sie müssen sich für andere aufreiben. Denn unterm Strich macht man damit nichts anderes, als die Art und Weise auszunutzen, wie sie ihr angeborenes Geltungsbedürfnis befriedigen.
Für die folgende Aussage habe ich keine belastende Statistik, sondern nur eigene Erfahrungswerte: Die, die am lautesten schreien, man solle geben, ohne etwas zurückzuverlangen, sind nicht die, die am meisten geben. Oft sind sie es, die am meisten von dieser Philosophie profitieren, ohne viel von sich zu geben.

 

Dein Feuerholz ist wertvoll.

Da dies nicht von allein aufhören wird, liegt es an uns, etwas zu verändern. Wir sollten das, was wir zu geben haben – also im metaphorischen Sinne unser Feuerholz – als etwas Kostbares betrachten, das wir zwar gerne geben, aber eben nur, wenn wir etwas Adäquates dafür zurückerhalten. Und nein, „Dankbarkeit“ ist selten genug. Sorry, aber das muss mal gesagt werden. Dankbarkeit ist schön und wichtig. Aber sie hält Herz und Seele eines ausgebrannten Menschen nicht ewig am Laufen.
Ich bin mir sicher, dass viele, die gerade diese Zeilen lesen, genau wissen, wovon ich rede.

Du bist nicht selbstverständlich. Deine Freundschaft ist nicht selbstverständlich. Dein Beitrag zur Gesellschaft ist nicht selbstverständlich. Also solltest du auch nicht wie eine Selbstverständlichkeit behandelt werden. So einfach ist das.
Wir können, dürfen und sollen einfordern, gesehen, wertgeschätzt und belohnt zu werden. Das ist nur fair und richtig.

Also mach dir und all deinen Mitmenschen klar, dass dein Feuerholz nichts ist, was man sich einfach stibitzen kann, ohne sich dafür erkenntlich zu zeigen. Aber sorge vor allem dafür, dass dir auch immer genügend von deinem Feuerholz übrig bleibt. Es ist schön, zu helfen. Es ist gut, zu geben. Aber du bist nicht hier, um es anderen recht zu machen.

 

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

Titelbild: Unsplash.com, Catalin Pop