Eine Perspektive, über die wir viel zu selten sprechen… 

Stell dir mal vor, du würdest jemanden zum ersten Mal in seinem Zuhause besuchen. Du kennst diese Person noch nicht sonderlich gut, aber du weißt, dass du sie magst. Ihr sitzt zusammen, trinkt Kaffee und unterhaltet euch über Gott und die Welt. Irgendwann merkst du, dass sich der Kaffee bemerkbar macht. Du musst auf Toilette. Also stehst du auf und schaust dich um. Du siehst mehrere Türen, doch keine davon ist beschriftet. Keine gibt dir einen zuverlässigen Hinweis darauf, was sich dahinter befindet. Schwierig, oder?

Du könntest nun einfach drauf los raten und wahllos Türen öffnen. Das birgt jedoch das Risiko, die Privatsphäre des anderen zu verletzen.
Du könntest verzichten, weil du Angst hast, etwas falsch zu machen. Dann wirst du jedoch leiden.

Was du auch tun könntest: Fragen. Und was dein Gegenüber tun könnte: Offen kommunizieren. Würde das die Situation nicht ungemein erleichtern?

Ich nutze dieses Beispiel gerne, wenn ich über Grenzen spreche. Denn es zeigt sehr gut, was passiert, wenn wir keine Grenzen kommunizieren. Wir lassen andere im Dunkeln. Wir erwarten, dass sie wissen, wo sie eintreten dürfen und wo nicht. Und das, obwohl wir niemals ein Schild an einer der Türen angebracht haben. Obwohl wir nie gesagt haben, welcher Raum für Gäste begehbar ist und welcher nicht. Und dann sind wir enttäuscht oder verletzt, wenn jemand eine Tür öffnet, die wir lieber geschlossen gehalten hätten.

Damit möchte ich sagen: Grenzen sind mehr als Mauern, mit denen wir uns vor anderen schützen. Grenzen sind auch Wegweiser, die anderen dabei helfen, uns zu verstehen.

 

Ein klassisches Missverständnis

In unserer Gesellschaft haftet dem Thema „Grenzen setzen“ so ein seltsamer Beigeschmack an. Es klingt hart. Abweisend. Fast schon ein wenig kalt. Wer Grenzen setzt, der will sich vor anderen schützen. Und Schutz braucht man vor Dingen, die gefährlich sind, nicht wahr?
Aber auch wenn es gefährliche Menschen gibt, wage ich zu bezweifeln, dass alle Menschen in deinem und meinem Leben gefährlich sind. Wir müssen uns nicht vor allen schützen. Aber wir müssen vor allen von ihnen unsere Grenzen wahren. Und hier kommen wir wieder genau zu dem, was ich eben bereits sagte: Grenzen sind mehr als nur Schutz. Sie sind Wegweiser. Sowohl für uns als auch für andere.

Die meisten Menschen, die unsere Grenzen verletzen, tun dies nicht aus böser Absicht. Sie tun es, weil sie nicht wissen, wo unsere Grenzen liegen. Weil wir es ihnen nie gesagt, gezeigt oder in irgendeiner anderen Weise mitgeteilt haben. Weil wir vermutlich oft selbst nicht so recht wissen, wo sie liegen. Weil uns niemand jemals beigebracht hat, wie man sie kommuniziert, ohne einen Konflikt auszulösen, Schuldgefühle zu empfinden oder das Gefühl zu vermitteln, man sei kompliziert und schwierig.

Das meine ich überhaupt nicht böse. Es ist schlicht und einfach eine Beobachtung, die ich über die Jahre nahezu überall gemacht habe. Kommunikation wird in unserer Gesellschaft dermaßen unterschätzt! Besonders, wenn es um Grenzen geht. Das habe ich nicht nur im Privatleben beobachten dürfen, sondern auch bei meiner Arbeit als Coach und Berater. Ich sitze mehrfach pro Woche Menschen gegenüber, die emotional völlig erschöpft sind, weil andere ihre Grenzen verletzen. Weil sie nicht wissen, was sie dagegen tun können. Weil sie ständig „Ja“ sagen, obwohl sie am liebsten „Nein“ sagen würden. Weil man ständig Türen bei ihnen öffnet, die verschlossen bleiben sollten, oder zu denen man sich den Zutritt eigentlich erst verdienen sollte.

 

Warum wir keine Grenzen setzen

Das führt zu der Frage: Warum fällt es uns so schwer, Grenzen zu setzen? Dafür gibt es sicherlich viele Gründe. Drei häufige davon sind:

1. Angst vor Konflikten. Wer Grenzen setzt, riskiert Widerstand. Vielleicht enttäuschen wir jemanden. Vielleicht werden wir abgelehnt. Und weil Ablehnung sich mit dem dringenden Bedürfnis nach Geltung und Bestätigung beißt, schweigen wir lieber. Wir nehmen hin, verletzt zu werden. Und manchmal bedeutet das auch, zu lächeln, auch wenn es eigentlich nichts zu lächeln gibt.

2. Das Gefühl, kein Recht auf Grenzen zu haben. Es ist ein tief sitzendes Gefühl, das mit unserem Selbstwert zu tun hat. Wir glauben im Stillen, dass unsere Bedürfnisse weniger wichtig sind als die der anderen. Dass wir deshalb kein Recht darauf haben, „Nein“ zu sagen. Das ist vielleicht kein logischer Gedanke, aber dennoch ein weit verbreiteter!

3. Manche Menschen wissen schlicht und einfach nicht, was ihre Grenzen sind. So banal das auch klingen mag, ist es doch häufig die Wahrheit. Wer jahrelang die Bedürfnisse anderer in den Vordergrund stellt, verliert irgendwann das Gespür dafür, was ihm selbst wichtig ist. In diesem Fall muss man seine Grenzen erst einmal selbst (wieder-)entdecken, bevor man in der Lage ist, sie anderen zu kommunizieren.

 

Eine Orientierungshilfe für beide Seiten

Genau hier komme ich zurück zu meiner Aussage, dass Grenzen ein Wegweiser sind. Sie helfen nicht nur anderen dabei, uns zu verstehen. Sie helfen auch uns selbst dabei, uns zu erkennen. Sie helfen uns dabei, den Respekt vor uns selbst zu wahren. Sie erinnern uns daran, dass wir nicht selbstverständlich sind. Dass wir auch Bedürfnisse haben. Dass wir auch sensibel sein dürfen. Dass andere verantwortungsbewusst mit uns umgehen sollen und müssen. Es ist nicht nur wichtig, dies den anderen zu kommunizieren, sondern auch uns selbst.

Deshalb finde ich Grenzen so wichtig. Nicht nur als Schutz. Sondern auch als Hilfe beim Verstehen.

Ich kann dir versichern, dass ich kein einfacher Mensch bin. Ich glaube, dass ich es vor allem in meiner Vergangenheit anderen schwer gemacht habe, mich zu verstehen. Jahrelang habe ich meine Energie damit verschwendet, den anderen die Schuld dafür zu geben. Ich habe es mir in der Opferrolle bequem gemacht. Habe mich darüber beschwert, dass niemand mich versteht. Doch irgendwann wurde mir klar, dass es niemandes Pflicht ist, mich zu „durchschauen“ und zu verstehen. Mir wurde klar, dass ich anderen dabei helfen sollte, mich zu begreifen. Und dies tun wir nicht nur, indem wir Forderungen stellen oder Wünsche äußern. Wir tun es auch, indem wir Grenzen setzen.

Wenn du jemandem sagst, was dir wichtig ist, was du brauchst, was dich belastet, was du dir wünschst, aber auch, was du absolut NICHT möchtest, dann gibst du dieser Person eine Chance. Die Chance, auf dich einzugehen. Die Chance, besser mit dir umzugehen. Die Chance, eine echte Verbindung aufzubauen, die auf gegenseitigem Verständnis beruht.
Auf diese Weise erkennen wir Menschen, die wirklich an unserem wahren Ich interessiert sind. So erkennen wir Menschen, die uns nicht verletzen wollen. Die bereit sind, unsere Grenzen zu respektieren und unseren Wünschen entgegenzukommen. Aber damit sie das tun können, müssen wir ihnen Hinweise geben. Wir dürfen nicht erwarten, dass jemand unsere Gedanken liest.

Eine klar kommunizierte Grenze ist ein Akt der Ehrlichkeit. Und Ehrlichkeit ist eine der stärksten Grundlagen für echte Beziehungen, Partnerschaften und Freundschaften.

 

Wage einen Anfang

Wo tut es weh? Was sind es für Situationen, in denen andere dich verletzen? Wann sagst du „Ja“, obwohl du eigentlich „Nein“ meinst? Wann hast du das Gefühl, nicht gesehen oder verstanden zu werden? Es sind diese Situationen, in denen du erkennst, wo deine Grenzen eigentlich liegen. Noch unsichtbar, noch unformuliert. Aber sie sind da.

Und sobald du sie entdeckt hast, kannst du anfangen, ihnen eine Stimme zu geben. Nicht laut, nicht kämpferisch, aber klar:

– „Das ist mir wichtig.“
– „Das brauche ich.“
– „Das geht für mich nicht.“
– „Für solche Späße bin ich gerne zu haben.“
– „Hier ist für mich eine Grenze erreicht.“

Simple Aussagen, die in den richtigen Kontext gesetzt werden. Mehr braucht es oft nicht.

Grenzen sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind kein Zeichen von Kälte. Und sie sind ganz bestimmt kein Zeichen dafür, dass du schwierig bist.
Sie sind ein Zeichen dafür, dass du dich kennst. Dass du dich respektierst. Und dass du bereit bist, ehrlich zu sein. Vor allem mit dir selbst und den Menschen, die dir wirklich wichtig sind.

Am Ende des Tages können uns nur die Menschen wirklich nahekommen, die wissen, wo wir stehen. Und dieses Wissen können wir ihnen nur geben, wenn wir es selbst haben und den Mut aufbringen, es auszusprechen.
Grenzen einzuhalten beginnt damit, sie zu kennen. Und sie mitzuteilen beginnt damit, sich selbst wichtig genug zu nehmen, um gehört zu werden.

Und das bist du! Ohne Zweifel.

In diesem Sinne: Viel Erfolg!

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelbild: Unsplash.com, Ugur Akdemir