Es lohnt sich, ehrlich und achtsam mit diesem Thema umzugehen…

Beginnen wir diesen Artikel mit einer unangenehmen Beobachtung aus meinem Alltag: Auf dem Schreibtisch in meinem Home Office stehen drei Monitore. An meinem Arbeitsplatz in meinem Büro ebenfalls. In meinem Wohnzimmer steht ein großer Fernseher. In meinem Rucksack trage ich einen Laptop. Ich habe zwei Smartphones, eines privat und eines geschäftlich. Und wenn ich in mein Auto steige, schaue ich auf den nächsten Bildschirm.
Warum erzähle ich dir das? Um damit anzugeben, wie viele Bildschirme ich habe? Nein. Ich erzähle es, um zu verdeutlichen, wie normal es für uns geworden ist, von Bildschirmen umgeben zu sein. Irgendwann ist mir klar geworden, dass es kaum einen Moment in unserem Leben gibt, in dem gerade kein Bildschirm in der Nähe ist.

Manche werden sagen, dass sie im Alltag weniger Zeit vor Bildschirmen verbringen. Andere werden zugeben müssen, deutlich mehr Bildschirm-Zeit zu haben. Lass uns keine Haarspalterei betreiben. Es geht nicht darum, wie viel genau es ist. Es geht darum, dass es uns alle betrifft.

Zuerst gab es das konventionelle Fernsehen, dann die ersten Computer und Zugang zum Internet. Danach kamen die ersten Smartphones. Dann Social Media und somit auch Benachrichtigungen, die uns rund um die Uhr auf dem Laufenden halten. Dann fingen unsere Fernseher an, uns jederzeit Zugriff zu jedem erdenklichen Programm zu ermöglichen (Stichwort: Smart TV).
All das ermöglicht es uns, zu jeder Zeit des Tages in irgendeiner Weise beschäftigt zu sein. Wir konsumieren. Wir saugen auf, was die Bildschirme uns zeigen. Und weil es so einfach ist, sich ständig zu beschäftigen oder unterhalten zu werden, beschäftigen wir uns weniger mit uns selbst.

Wir haben verlernt, einfach da zu sein und den Moment zu genießen.

Ich meine das wortwörtlich. Wann hast du zuletzt beim Arzt im Wartezimmer gesessen, ohne auf dein Handy zu schauen? Wie oft schaust du beim Essen einen Film oder eine Serie? Und ist es nicht bemerkenswert, dass wir inzwischen sogar angefangen haben, das Smartphone mit auf die Toilette zu nehmen, um auch beim großen Tagesgeschäft produktiv zu sein oder abgelenkt zu werden?

Falls du dich darin wiederfinden kannst, fühl dich bitte nicht angegriffen. Wir alle sitzen im selben Boot. Wir alle neigen mittlerweile dazu, auch die kleinsten Momente der Stille mit unseren Bildschirmen zu füllen. Wir können Langeweile nicht mehr aushalten. Wir können Stille nicht mehr aushalten. Wir können uns selbst nicht mehr aushalten.

 

Was macht das mit uns?

 

Jede Woche höre ich, wie Menschen mir erzählen, dass sie nicht sonderlich gut schlafen und nachts häufig aufwachen, weil ihre Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Wenn ich dann genauer nachfrage, stellen wir schnell fest, dass sie abends bis kurz vor dem Einschlafen damit beschäftigt sind, auf ihrem Smartphone zu spielen oder in den Sozialen Medien zu scrollen. Und es ist jedes Mal erstaunlich, wie schnell Schlafprobleme sich merklich verbessern, wenn dieselben Personen auf den Rat hören, ihr Smartphone früh am Abend wegzulegen und komplett offline zu bleiben.
Das meine ich gar nicht böse oder als Vorwurf. Es ist einfach eine Beobachtung.

Unser Gehirn braucht Pausen. Und zwar echte Pausen. Momente, in denen es nicht mit Informationen gefüttert wird, nicht stimuliert wird, nicht reagieren muss. In diesen Momenten passiert etwas sehr Wichtiges: Wir denken. Wir fühlen. Wir verarbeiten. Wir kommen bei uns an.
Es sind genau diese Momente, die wir uns selbst stehlen, wenn wir jeden freien Augenblick mit einem Bildschirm füllen.

Die Folgen dieser Entwicklung sind nicht zu vernachlässigen: Viele Menschen berichten, sich zunehmend „leer“ zu fühlen, obwohl sie ständig beschäftigt sind. Sie fühlen sich rastlos, obwohl sie sich eigentlich ausruhen. Sie fühlen sich einsam, obwohl sie ununterbrochen mit anderen in Kontakt sind. Das sind die realen Konsequenzen eines Lebens, das zunehmend online, aber immer seltener im Hier und Jetzt stattfindet.

Nenn mich ruhig einen Aluhutträger, doch ich versichere dir, dass das alles keine zufälligen Entwicklungen sind. Die Apps auf unseren Smartphones sind darauf ausgelegt, uns zu „halten“. Jeder Inhalt, der uns „zufällig“ in einer App angezeigt wird, ist das Ergebnis von Algorithmen, die unsere Interessen studieren und exakt wissen, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Die Sozialen Medien nutzen unsere Neugier, unser Bedürfnis nach Bestätigung und unsere Angst, etwas zu verpassen.
Das ist im wahrsten Sinne ein Milliardengeschäft. Und die Währung sind wir, oder genauer gesagt: Unsere Aufmerksamkeit.

Damit will ich dir nicht sagen, dass du dein Smartphone wegwerfen und in den Wald ziehen solltest. Aber wäre es so falsch, eine gesunde Skepsis an den Tag zu legen? Wäre es so falsch, sich hin und wieder die Frage zu stellen: Benutze ich gerade dieses Gerät oder benutzt es mich?

 

Zurück ins Hier und Jetzt

 

Es wäre gelogen zu sagen, dass ich den perfekten Umgang mit all meinen Bildschirmen, dem Internet und den Sozialen Medien gefunden habe. Aber ich kann guten Gewissens sagen, dass ich vor einiger Zeit begonnen habe, bewusster hinzuschauen und mein Nutzungsverhalten zu hinterfragen. Dabei durfte ich feststellen, dass bereits kleine Veränderungen einen Unterschied machen.

Morgens das Smartphone einfach mal liegen lassen und zu allererst duschen, frühstücken, anziehen, vielleicht sogar ein wenig Sport machen, bevor man sich das Telefon schnappt und schaut, was es Neues gibt. Hin und wieder mal eine Mahlzeit ohne Bildschirm. Ein Spaziergang ohne Kopfhörer. Ein ruhiger Abend ohne Smartphone oder Fernseher. Stille. Ruhe. Ein gutes Buch oder ein wenig Selbstreflexion mit Sitft und Papier. Einfach nur da sein. Nicht beschäftigt sein. Präsent sein. Achtsam und bewusst.

Und weißt du, was in diesen Momenten passiert? Echte, ungefilterte Gedanken. Ideen und kreative Einfälle. Selbstreflexion. Zur Ruhe kommen und wahrhaftig ausruhen.
Für manche mag das nicht nach sehr viel klingen. Aber in einer Welt, die uns ununterbrochen von uns selbst weglockt, ist es eigentlich ziemlich viel. Vor allem fühlt es sich nach viel an, wenn man sich mal erlaubt, es auszuprobieren.

Heißt das, dass wir alle Bildschirme abschaffen müssen? Nein. Aber es heißt, dass wir uns ein Stück von uns selbst zurückerobern sollten. Bitte vergiss nicht: Technik sollte ein Werkzeug sein, das wir bewusst benutzen. Wir sollten uns nicht unbewusst davon benutzen lassen.
Auch ich übe mich täglich darin, wie zum Beispiel jetzt gerade, während ich diesen Beitrag vor drei Bildschirmen schreibe. Es ist in Ordnung, Teil dieser modernen Zeit zu sein. Doch noch besser ist es, voll und ganz bei sich selbst zu sein.

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelbild: Unsplash.com, Maxim Hopman