Einer muss es ja mal sagen… 

Bevor wir mit diesem Beitrag ins Rollen kommen, möchte ich eine Sache ganz klar betonen: Ich möchte mich nicht beschweren. Dieser Blogartikel ist nicht meine Art, mal Dampf abzulassen, weil ich über unsere Gesellschaft frustriert bin. Ebenfalls ist es kein Jammern darüber, dass Menschen wie ich – die das Internet nutzen, um Bildungsmedien zu veröffentlichen – weniger Aufmerksamkeit bekommen als jene, die puren Blödsinn vor einer Kamera veranstalten. Damit habe ich mich nämlich schon längst abgefunden 😉

Viel eher bin ich fasziniert. Na gut, ich gebe offen zu, dass ich auch verwirrt und doch ein wenig frustriert bin. Aber am meisten bin ich fasziniert. Fasziniert darüber, worin wir unsere Zeit und Aufmerksamkeit investieren. Beispiele gefällig?

Wenn wir uns die 10 Menschen mit den meisten „Followern“ (bzw. Fans) in den sozialen Medien anschauen, dann finden wir dort (Stand: 11.2025): Fußballspieler, Schauspielerinnen und Schauspieler, Sängerinnen und zwei Frauen, die mehr oder weniger dafür berühmt sind, jeweils einen riesigen Hintern zu haben. Kein Scherz! (Die Rede ist von Kim Kardashian und Kylie Jenner.)

Ich meine, wie erklären wir das irgendjemandem, der nicht von der Erde ist? Ich versuche, mir einen Dialog mit einer intelligenten Lebensform von einem anderen Planeten vorzustellen, bei der ich gefragt werde: „Und, wer sind denn eure Vorbilder? Zu wem schaut ihr am meisten auf?“
Dann werde ich antworten müssen: „Also, wir verehren Leute, die einem Ball hinterherlaufen, gut singen, schauspielern oder ihren Hintern inszenieren können.“

Das ist ein wenig zynisch von mir, ich weiß. Und ich würde auch gerne zugeben, dass es überspitzt ist. Aber erstaunlicherweise ist es das nicht.

Selbstverständlich ist das Ganze nicht so einfach, wie ich es gerade darstelle. Aber die Mechanismen dahinter sind simpel. Unsere Gesellschaft verehrt Menschen, die gute „Entertainer“ sind. Denn wir alle wollen gut unterhalten werden. „Unterhaltung“ ist eines der Stichworte unseres aktuellen Jahrhunderts. Denn wer es versteht, seine Mitmenschen gut zu unterhalten, wird dafür belohnt.
Bereits vor Jahren schrieb ich, dass Aufmerksamkeit eine Währung ist, deren Wert immer weiter steigt.

Alles und jeder um uns herum verlangt nach unserer Aufmerksamkeit. Ich bitte dich, einfach mal in Ruhe darüber nachzudenken. Es ist egal, wo du bist. Es ist egal, was du tust. Immer gibt es irgendetwas, das auf sich aufmerksam macht. Spätestens, seit es das Smartphone und die sozialen Medien gibt, verfolgen uns die Aufmerksamkeitsmagneten überallhin. Sogar ins Bett oder auf die Toilette!

Die meisten Menschen nehmen das gerne an. Denn unterhalten zu werden, ist so viel einfacher und angenehmer, als sich um sein Leben zu kümmern. Im Laufe der letzten Jahre haben mir so viele Leute berichtet, dass sie nicht einmal den kleinsten Moment der Ruhe aushalten können, weil sie sich dann mit ihren Gedanken, ihren Herausforderungen und ihrer Verantwortung beschäftigen müssen. Sie brauchen immer (!) irgendeine Form der Ablenkung. Und wie praktisch ist es da, die Ablenkung ständig in seiner Hosentasche zu tragen?

Die Entertainer dieser Welt bringen uns zum Lachen. Sie faszinieren uns. Sie führen ein Leben, das wir erstrebenswert finden. Sie regen unsere Fantasie an. Vor allem aber bewahren sie uns davor, uns mit unserer eigenen Realität beschäftigen zu müssen. Ich finde das fatal. Denn wir sollten mit unserer eigenen Realität beschäftigt sein. Der absolute Großteil unserer Zeit, Energie und Aufmerksamkeit sollte uns und unserem eigenen Leben gelten.

Vorbilder?

Es war schon immer so, dass „berühmte“ Personen der Öffentlichkeit bewundert wurden. Das war schon lange vor dem Internet so. Aber die Ebene, auf die wir dieses Phänomen heute tragen, ist geradezu absurd.
Schauspieler, Sänger, Comedians, „Internetpersönlichkeiten“ und „Influencer“ werden geradezu vergöttert. Warum eigentlich?

Ich meine die Frage vollkommen ernst: Warum eigentlich? Welchen nützlichen Beitrag leisten diese Menschen zu unserer Gesellschaft, der rechtfertigt, dass man in ihrer Gegenwart hysterische Anfälle bekommt oder in Ohnmacht fällt?
Und wo bleibt die Begeisterung für die stillen Heldinnen und Helden des Alltags, die jeden Tag ihr Bestes geben, um den Laden hier am Laufen zu halten?

Ich rede von den „einfachen“ Menschen. Von jenen, die dafür sorgen, dass es Straßen gibt, auf denen wir fahren können. Von jenen, die sich um uns kümmern, wenn wir krank sind oder einen Unfall hatten. Von jenen, die versuchen, Recht und Ordnung durchzusetzen. Von jenen, die jeden Tag hart arbeiten, damit der „Alltag“, wie wir ihn kennen, funktioniert. Ich kann dir versichern, dass ich bezüglich der stillen Heldinnen und Helden Listen anlegen könnte, die hier den Rahmen sprengen würden. Aber es geht nicht darum, sie alle beim Namen zu nennen. Es geht nur um die Frage: Wo bleibt die Begeisterung für diese Menschen?

Noch einmal: Ich verstehe es vollkommen, wenn ein Teenager sich von Öffentlichkeitspersonen beeindrucken lässt. Aber was ist mit uns „Erwachsenen“?

 

Frustrierende Erfahrungen

Wer mich noch nicht kennt und heute zum ersten Mal einen Text von mir liest, könnte meinen, ich sei einfach frustriert. Das würde ich sogar verstehen! Und die Wahrheit ist, dass ich lange frustriert war.

Ich könnte heute noch anfangen, „Lifestyle-Videos“ zu machen, mit denen ich andere unterhalte. Ich könnte anfangen, mich öffentlich stärker zu polarisierenden, gesellschaftlich brisanten Themen zu äußern, indem ich eine starke Meinung und Haltung vertrete. Ich könnte ebenfalls anfangen, Comedy-Inhalte zu produzieren. Mit all diesen Ansätzen würde ich mehr Aufmerksamkeit generieren. Mehr Menschen erreichen. Ich wäre ein besserer Entertainer. Es wäre gut fürs Geschäft.

Stattdessen entscheide ich mich bewusst dafür, in der Nische der Persönlichkeitsentwicklung zu sein und zu bleiben. Ich mache es anderen nicht leicht. Ich fordere meine Mitmenschen heraus. Ich lade sie zum Nachdenken ein. Ich appelliere an die Eigenverantwortung, anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Ich bin anstrengend! Sich neben allem, was einen gerade beschäftigt, auch noch mit meinen Inhalten zu beschäftigen, ist herausfordernd. Ist es da nicht viel leichter, sich nach einem harten Tag von ein wenig Comedy oder einer anderen Form der Unterhaltung ablenken zu lassen? Einfach das Hirn abschalten und sich berieseln lassen. Das ist hier nicht möglich. Ich bin keine Ablenkung. Ich bin jemand, der den Fokus genau dorthin lenkt, wo es wehtut.

Also ist es verwunderlich, dass man auf diese Weise sehr viel weniger Menschen erreicht als mit den primitivsten Formen der Unterhaltung? Nein. Und ich war lange frustriert darüber. Aber nicht, weil ich mehr „Follower“ möchte.
Es hat mich frustriert, weil mir klar wurde, dass Menschen wie du und ich immer eine kleinere Gruppe sein werden. Dass wir in einer Welt leben, in der die meisten Menschen kein Interesse an Weiterentwicklung haben, sondern sich einfach nur irgendwie beschäftigen, ablenken und unterhalten wollen, bis ihre Zeit abgelaufen ist.

Und irgendwann wurde mir klar, dass es nicht darum geht, viele Menschen zu erreichen. Mir wurde klar, dass es darum geht, die richtigen Menschen zu erreichen.

Wenn ich ein Video auf YouTube veröffentliche, welches sich „nur“ 2.000 Menschen bis zum Ende ansehen, dann bin ich nicht traurig darüber, dass es keine 100.000 sind. Stattdessen versuche ich, mir 2.000 Menschen vor mir vorzustellen und denke: „Wow! So viele Menschen, die denken wie ich.“
Das ist ein fantastisches Gefühl.

Ich sehe Menschen, die mich für meinen Intellekt wertschätzen und nicht dafür, wie gut ich sie unterhalten kann. Für mich sind 100 Gleichgesinnte wertvoller als 100.000 „Fans“, die mich bewundern, weil ich gut aussehe, gut singe oder irgendetwas „Cooles“ mache, das beeindruckend aussieht.

 

Es liegt bei uns.

Ich denke, dass du vieles von dem, was ich hier beschreibe, gut nachvollziehen kannst. Schließlich bist du gerade hier. Du liest diese Zeilen. Das verrät mir über dich, dass du zu den reflektierten Menschen gehörst. Zu denen, die sich nicht vor „anstrengenden“ Inhalten scheuen, weil du schließlich daran interessiert bist, dich weiterzuentwickeln. Ich finde das großartig! Nicht, weil es so lobenswert wäre, meiner Arbeit zu folgen, sondern weil es lobenswert ist, Verantwortung zu übernehmen und sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Meiner Meinung nach würde es der Gesellschaft gut tun, weniger anspruchslose Unterhaltung zu konsumieren und einfach mal in sich zu gehen. Es würde mehr Menschen hervorbringen, die sich eine eigene Meinung bilden und weniger leicht beeinflussbar sind. Es würde den Zusammenhalt unter jenen fördern, die ihr Glück in der Persönlichkeitsentwicklung suchen. Und vielleicht wäre das auch ein Schritt zu mehr Vernunft und Ordnung. Denn dem aufgeweckten Geist wird nicht entgangen sein, dass Vernunft und Ordnung aktuell nicht unbedingt mit Anwesenheit in unserer modernen Welt glänzen…

Wir machen einen Unterschied, indem wir uns aussuchen, was wir konsumieren. Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass unsere Aufmerksamkeit, unsere Zeit und unsere Energie wie eine Währung sind, und wir sollten uns gut überlegen, wen wir damit bezahlen und belohnen.

Dieser Beitrag ist ungewöhnlich für mich, ich weiß. Aber ich habe das Gefühl, dass er notwendig ist. Denn wenn er auch nur einen einzigen Menschen dazu bewegt, zu reflektieren, kritisch zu hinterfragen und bewusster mit seiner Aufmerksamkeit umzugehen, dann ist es für mich eine gute Sache, ihn veröffentlicht zu haben.

 

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelbild: Unsplash.com, Florian Schmetz