Ich lüge mir die Welt, wie sie mir gefällt

Ehrlichkeit macht das Leben auf den ersten Blick nicht unbedingt leichter. Auf den zweiten aber schon.

Studien besagen, dass wir Menschen gut und gerne mehr als 300 mal am Tag lügen. Das klingt unfassbar, oder? Dazu sollte ich allerdings sagen, dass in dieser Anzahl vollkommen banale Dinge stecken. So sagen wir zum Beispiel, wir seien um 7 Uhr morgens aufgestanden, aber das ist eine Lüge, da es in Wirklichkeit 6:58 Uhr war. Solche und ähnliche Lügen unterlaufen uns also durchschnittlich rund 300 mal am Tag. Wenn es nur solche „Lügen“ sind, soll es nicht an meinem Gewissen kratzen ein Lügner zu sein. Das geschieht erst an einem anderen Punkt.

Die zweite Realität

300 banale Lügen finde ich sympathischer als eine einzige bewusste Lüge. Und neben all den moralischen Gründen dafür, gibt es auch einen ganz simplen, der unsere Lebensqualität betrifft: Wer lügt, erfindet etwas, das nicht der Realität entspricht und erschafft somit eine zweite Realität, mit der er leben muss. Das beginnt bereits mit der ersten Lüge!
Ein simples Beispiel dazu: Mit deinem Job verdienst du 2500€ im Monat. Wenn dich jedoch ein Freund fragt, wie hoch dein Verdienst ist, sagst du, es seien 4000€. Du denkst dir nichts Böses dabei. Du willst einfach nur deine Erscheinung ein wenig aufpolieren und dich nicht minderwertig fühlen, da dein Freund vielleicht mehr Geld verdient als du. Das Problem, das nun entsteht, ist jedoch folgendes: Du wirst nun immer jedem erzählen müssen, dein Verdienst sei 4000€ monatlich. Du wirst auch diesem „Status“ entsprechend leben müssen, denn wenn irgendeiner deiner Freunde dich als Lügner entlarven würde, wäre das furchtbar peinlich. Eine Lüge ist eine Einbahnstraße. Es gibt kein Zurück.

In diesem Beispiel würdest du also mit zwei Realitäten leben müssen: Der Realität, in der du 2500€ im Monat einnimmst und davon leben musst und der Realität, in der du einen teureren Lebensstil vorzeigen musst, ohne die Mittel dazu zu haben. Das klingt vielleicht nicht dramatisch, aber glaub mir: Das ist es.
Ein weiterer kurioser Punkt in diesem Beispiel: Was, wenn du z.B. einen Termin bei einer Bank hättest und ein Finanzberater würde dich nach deinem Einkommen fragen? Spätestens dann würde der Donner der Wahrheit über dich herfallen.

Es ist manchmal schon schwer genug, mit der einfachen Realität zu leben. Man sollte es sich also nicht unnötig schwer machen, indem man eine neue hinzufügt, die man aufrechterhalten muss, um nicht sein Sozialleben zu zerstören.

Die Lüge zum Schutz

Ich werde niemals vergessen, wie ich vor einiger Zeit in meinem Lieblingscafé mit einem Kakao und einem Stück Kuchen saß und mir eine furchtbare Geschichte anhörte, die vom Tisch nebenan zu mir herüberwehte. An diesem Tisch saßen zwei Frauen und die eine erzählte davon, dass sie ihren Ehemann mit einem anderen Mann betrog. Das Ganze übrigens lautstark genug, dass man nicht einmal weghören konnte, wenn man es darauf anlegte. Die Frau sagte ihrer Freundin, es täte ihr Leid, aber sie habe keine andere Wahl. Sie sei in ihrer Ehe unglücklich, wolle sich aber auch nicht trennen, denn ihr Ehemann sei eigentlich so ein guter Kerl. Sie würde ihm nichts von ihrer Affäre erzählen, um ihn zu schützen, denn es würde ihm sonst das Herz brechen.

An diesem Punkt reichte es mir. Ich zahlte meine Rechnung und verließ das Café, aber ich konnte das Gehörte nicht loslassen. Das Ganze war so unnötig kompliziert und schwer für alle Beteiligten. Ich fragte mich, ob es an dieser Stelle vielleicht wirklich besser war, unehrlich zu sein und ob man tatsächlich andere Menschen mit einer Lüge schützen kann. Also wägte ich die Vor- und Nachteile ab. Das Ergebnis: Es gibt nur Nachteile an der ganzen Situation. Wird der betrogene Ehemann vor der Wahrheit verschont, lebt er neben einer unglücklichen Frau, ohne zu wissen, dass er ihr nicht vertrauen kann. Die untreue Ehefrau lebt weiterhin in einer unglücklichen Ehe, spielt ein ewiges Versteckspiel und lebt immer mit der Angst, ihr Mann könne dahinter kommen und sie würde ihn verlieren.

Ihre Aussage, sie habe keine Wahl, ist natürlich völliger Unsinn. An einer unglücklichen Ehe kann man arbeiten, wenn man ehrlich zueinander ist und wenn auch das nicht funktioniert, kann diese Beziehung beendet werden. Dies ist zwar mit Schmerz verbunden, aber dieser ist deutlich angenehmer als ewig mit einer riesigen Lüge und einer unglücklichen Ehe zu leben. Und sollte sie ihre Affäre gestehen, kann der Ehemann im schlimmsten Fall nur das tun, was insgeheim das Beste für beide wäre: Die unglückliche Beziehung auflösen.

Daraus lernen wir also, dass es unsinnig ist, jemanden mit einer Lüge schützen zu wollen. Die Wahrheit auszusprechen bedeutet, der Realität ins Auge zu blicken. Man sollte niemanden vor der Realität schützen, denn wir alle müssen lernen, mit ihr zu leben. Die einzig sinnvollen Lügen zum Schutz anderer fallen mir ein, wenn ich an Actionfilme aus Hollywood denke, die etwas mit Geiselnahmen und Folter zu tun haben. Lass uns froh sein, dass das für uns nur Kino ist und uns stattdessen darauf konzentrieren, ehrlich zu sein 🙂

Sich selbst belügen

Manchmal belügen wir uns selbst und tatsächlich ist die Selbstlüge die schlimmste von allen. Wir denken uns oft nichts Großes dabei und schirmen die Realität einfach ab. Einfache Beispiele hierfür sind:

  • Ich kann das noch schaffen.
  • Ich habe kein Problem. Es ist noch alles im Rahmen.
  • Ich brauche keine Hilfe.
  • Ich könnte (X) locker schaffen, wenn ich nur wollte, aber mir reicht, was ich habe.
  • Ich habe keinen Fehler gemacht. Dazu muss ich jetzt stehen.

Dies sind nur wenige Beispiele von Lügen, die wir uns oft selbst einreden, um uns zu schützen und der Realität zu entfliehen. Mit Sicherheit fällt dir zu jedem dieser Sätze mindestens eine Situation ein, in der er passen könnte. Stell dir mal vor, wie viel einfacher das Leben wäre und wie viel Zeit und Kummer man sich sparen würde, wenn man sich diese Lügen nicht auftischen würde. Denn am Ende dieser Lügen steht eines sowieso fest:

  • Ich habe es nicht geschafft.
  • Ich habe ein Problem und es ist außer Kontrolle.
  • Ich brauche wirklich Hilfe.
  • Um (X) zu schaffen, muss ich etwas tun und es wird nicht leicht.
  • Ich habe Fehler gemacht und dazu werde ich stehen müssen.

Wer sich selbst belügt, verliert immer. Man kann es vielleicht schaffen, die Realität vor jemand anderem zu verstecken, indem man eine neue erfindet und davorstellt, aber für sich selbst kann man das langfristig niemals schaffen.
Die Ehrlichkeit zu sich selbst ist meiner Meinung nach die schwierigste, aber auch die hilfreichste. Wir haben alle Möglichkeiten, unser Leben eigenverantwortlich zu verbessern und nach unseren Vorstellungen zu leben. Wenn wir mit einem ehrlichen Blick erkennen, was darin schief läuft, können wir daran arbeiten.

Das Credo der Ehrlichkeit

Am Ende dieses Artikels stellen wir fest, dass es sich wirklich niemals lohnt, unehrlich zu sein. Und auch wenn man nicht bewusst lügt, sollte man mal genauer unter die Lupe nehmen, wo man vielleicht in einer zweiten Realität lebt, ohne es zu merken.

Wenn man immer ehrlich ist, dann vertreibt man einige Menschen um sich herum, die mit der Realität nicht leben können. Aber die, die bleiben, sind die Richtigen. In diesem Sinne wünsche ich dir ein wunderbares Wochenende.

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

13 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hallo Michael, gerade habe ich deinen neuen Fussabdruck gelesen – freue mich überging seid ein paar Wochen auf jeden Freitag – habe für mich schon lange entdeckt ehrlich mit mir und anderen umzugehen, aber Stelle auch immer wieder fest, das es nicht einfach ist – ich gebrauche eher ne Notlüge – oder ich rede es mir schön, macht das Ganze nicht besser!
    Dein Artikel von heute hat mich sehr inspiriert u ich nehme mir jetzt vor, noch mehr mit der Wahrheit umzugehen.
    Sicherlich werde ich genau diesen Artikel zigmal dazu lesen!
    Super Thema – DANKE!
    Schönes Wochenende
    Andrea

    1. Hallo Andrea,
      es freut mich, dass du dich auf die Freitagsartikel freust 🙂 Und noch mehr freut es mich, dass auch der heutige dir gefällt.
      Sich einzugestehen, dass man es schwer findet, immer ehrlich zu sein, ist eine sehr ehrliche Leistung! Das ist ein vorbildlicher Start in dein Vorhaben.
      Immer wieder gerne und auch dir ein schönes Wochenende.

      Viele Grüße
      Michael

  2. Hallo Michael, ich lebe eigentlich immer nach dem Motto “Nobody ist perfekt“ und kann auch Fehler eingestehen. Es ist auch gar nicht so schwer. Aber im Prinzip wird man von so vielen Menschen Tag für Tag belogen und dumm gemacht und diese Menschen kommen glücklich und zufrieden(denke ich) durchs Leben. Wenn ich lüge, habe ich sofort ein schlechtes Gewissen. Und ich habe auch begriffen, dass es mir nichts bringt. Wieder ein toller Beitrag! Auch dir ein schönes und hoffentlich sonniges WE. Viele Grüße Karin!

    1. Hallo Karin,
      glaub mir: wer unehrlich ist, kommt allerhöchstens für den Moment gut zurecht. Die Zeit ist gerecht und irgendwann kommt jeder an den Punkt, an dem er sich Gedanken darüber macht, ob er nicht einiges hätte besser machen können. An diesem Punkt möchte wirklich niemand ein negatives Fazit ziehen müssen. Wer stets ehrlich ist, wird immer das Beste aus seiner Situation machen können und irgendwann zufrieden zurückblicken.
      Vielen Dank für deine lieben Worte. Es freut mich, dass der Beitrag dir gefällt.

      Viele Grüße
      Michael

  3. Ich möchte mich auf diesem Wege (andere Möglichkeit habe ich nicht) nochmal ganz herzlich für die netten und aufbauenden Worte von Manfred bedanken! (Entschuldige bitte Michael) Danke!

  4. Hallo Michael,

    danke für den Artikel von dieser Woche. Auch zu diesem Thema kann ich Deinen Ausführungen wieder voll und ganz zustimmen. Das Schlimmste ist, sich selbst zu belügen. Mir selbst einzureden, alles zu schaffen und alls selbst und allein machen zu wollen oder meinen zu müssen und dazu auch noch nicht „nein“ sagen zu können, hat mich in eine Situation gebracht, aus der ich aus eigener Kraft nicht mehr herausgekommen bin. Aber ich habe gelernt, dass es mir viel besser geht, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, meine Zeit und Möglichkeiten realistisch einschätze, authentisch bin und auch Grenzen ziehe, über die ich nicht mehr hinauszugehen bereit bin.

    Dir und allen Mitlesern ein schönes Wochenende
    Manfred

    1. Hallo Manfred,
      vielen Dank für deinen Zuspruch. Wichtig ist vor allem auch der Aspekt, wie viel Zeit und Zuversicht man gewinnt, wenn man die Zeichen rechtzeitig erkennt und gegensteuert. Es freut mich wirklich immer wieder aufs Neue zu lesen, wie viel Wertvolles du auch aus der schweren Zeit mitnehmen konntest und wie sehr du das Gute zu schätzen weißt.
      Auch dir ein schönes Wochenende!

      Viele Grüße
      Michael

  5. Hallo Michael, ich finde Ehrlichkeit zu sich selbst und besonders den anderen Menschen gegenüber sehr wichtig, auch wenn es öfter sehr schmerzhaften Konsequenzen zu sich führt. Ich kann offen und ehrlich schreiben dass ich mir seit halbes Jahr, professionellen Hilfe geholt habe auch wenn ich an manchen Tagen am liebsten den Handtuch werfen könnte! Mir ist bewusst geworden, dass die Psychotherapie mich in meinen persönlichen Entwicklung weiter bringt.
    Dein Beitrag zeig mir dass ich auf den richtigen Weg bin. Dafür bedanke ich mich bei dir herzlich!

    Ein schönen WE wünsche ich Dir,

    Sonnige Grüße,

    Francesca

    1. Hallo Francesca,
      ich finde es gut, dass du offen damit umgehst, in psychologischer Behandlung zu sein. Es ist bei Weitem nichts, wofür man sich schämen muss. Du spürst Fortschritte in deiner Entwicklung und das nach nur einem halben Jahr! All jene, die Psychotherapien peinlich finden, quälen sich jahrelang mit ihren schwierigen Situationen und machen keine Fortschritte, bis sie sich letztendlich doch überwinden können.
      Es freut mich, dass der Beitrag dir gefällt und ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende.
      Die sonnigen Grüße sind übrigens angekommen 🙂 Draußen sieht es fast schon nach Frühling aus.

      Viele Grüße
      Michael

  6. Lieber Michael, ich stimme dir zu, dieser Artikel ist selbssprechend. Allerdinge habe ich aus meinem Umfeld Menschen erlebt, für die war die Zeit für einen, ich sage mal, aufrichtigen Weg noch zu früh. Sie mussten erst durch die Hölle, oft mit schweren gesundheitlichen Problemen, um endlich zu sich und damit auch zu der Aufrichtigkeit zukommen, jeder darf es sich Wert sein, sein Leben so zu leben, wie es ihm gut tut, auch wenn Veränderungen immer sehr weh tun( z. B. die Partnerschft, die auseinander geht. Ich habe aber auch gelernt, den Menschen keine Verurteilung entgegenzubringen, weil ich aus eigener Erfgahrung weiß, keiner kann meine Gefühle und Erlebnisse verstehen. Es sind alles Momentaufnahmen. Und schön, wenn durch diese Artikel eine Änderung des Blickwinkels stattfindet. Habe eine schöne Woche…

    Herzliche Grüße Klaudia

    1. Hallo Klaudia,
      was du ansprichst, ist ein wichtiger Punkt. Menschen finden oft erst nach einem Leidensweg zur „besseren“ Alternative. Das gilt nicht nur für die Ehrlichkeit. Der Kern des Artikels ist es, Menschen vor dem Leiden zu bewahren und sie dazu zu animieren, offener zu sich und zu anderen zu sein. Aber wie so oft weiß man erst, wie heiß die Herdplatte wirklich ist, nachdem man sie angefasst hat 🙂
      Verurteilen würde ich deswegen auch niemanden, aber eine Person, die sich ihr Leben zurechtlügt, schadet auch den Menschen im unmittelbaren Umfeld.
      Insgesamt hoffe ich natürlich nicht nur, hier auf dem Blog diese Empfehlung auszusprechen. Ich wünsche mir, dass jeder Leser diese Ideen mit nach außen nimmt und an andere weitergibt.

      Auch dir eine schöne Woche!

      Viele Grüße
      Michael

  7. Hallo Michel

    „Leider“ finde ich mich in vielen deiner Fälle wieder. Eigentlich wollte ich ja nur zu einigen Blogs einen Kommentar schreiben, aber ?
    Zum Beispiel mit dem Fremdgehen: auch ich „schützte“ meine Ex-Frau mit Lüge ihr nichts von meiner Affäre zu berichten, bis ich fast flagranti erwischt wurde. Ich habe dann meine Konsequenz gezogen und habe die Ehe beendet bzw nicht beendet, dass wollte sie nicht, wir leben aber schon Jahre getrennt. Ich habe aber daraus gelernt. In meiner neuen Ex-) Beziehung habe ich gemerkt, es passt nicht mehr und bevor ich unglücklich weitermache und unbewusst auch meine Partnerin (und ja keine Affäre daneben habe!), habe ich die Beziehung beendet, auch wenn meine damalige Partnerin sehr traurig war. Aber mittlerweile geht es ihr wieder gut und ich bin froh, dass ich so diesen Schritt unternommen habe.
    Habe mittlerweile in meiner Persönlichkeitsentwicklung einen komplett neuen Zugang geschaffen und Ehrlichkeit hat hier einen hohen Stellenwert. Habe nur gemerkt, dass viele Menschen in meinem Umkreis ein Problem damit haben. Das ist mir aber mittlerweile auch egal, mir passt das so, bin glücklich und zufrieden damit. Und man merkt dann mit der Zeit, wer wirklich deine richtigen Freunde sind, somit habe ich (ziemlich) alles richtig gemacht ?. Verbesserungen sind immer möglich und sollten auch gemacht werden ?

    LG Valentin

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