Warum ich „psychisch krank“ eher „mutig und vorbildlich“ nenne…

Ein Artikel, der von Herzen kommt und genau zwei Ziele verfolgt: Die Mutigen unterstützen und den Vorurteilenden einen Denkzettel verpassen!

Da ist er wieder, der nächste Freitag und ich freue mich, dass du diese Zeilen liest. Mehr als sonst! Denn heute wünschte ich mir tatsächlich, dass jeder Mensch sich die Zeit nimmt, sich ein paar Gedanken zum heutigen Thema zu machen. Es ist in meinen Augen enorm wichtig und muss einfach mal ausgesprochen werden.

Die Rede ist von dem allgemeinen Glauben, „psychisch Kranke“ seien „nicht normal“ oder „total daneben“. Menschen, die psychologische Beratung oder psychiatrische Behandlung in Anspruch nehmen, schämen sich oft dafür und versuchen, es so geheim wie möglich zu halten. Im allerschlimmsten Fall verzichten sie sogar auf Hilfe, da sie Angst haben, man könne sie als „Psychos“ betrachten! Und der Rest der Gesellschaft erhält diesen Glauben aufrecht und zeigt fleißig mit dem Finger auf diejenigen, die dem psychologischen Druck nicht mehr standhalten können.

Was ist eigentlich „psychisch krank“?

Ich möchte nicht einfach mit dem Finger zeigen, schimpfen und sagen, dass man irgendjemanden in Ruhe lassen soll. Viel mehr möchte ich die Frage in den Raum stellen, wo das „psychisch krank“ sein eigentlich anfängt. Dem allgemeinen Glauben nach hat ein Mensch ja schon eine „Störung“, wenn er sich unzufrieden mit seinem Leben fühlt und sich an einen Psychologen wendet. Ich habe schon sehr oft von sehr vielen Menschen Sätze gehört wie: „Man kann sich auch was anstellen. Das Leben geht weiter und gut ist die Sache.“

Ist sie das wirklich? Kann man das einfach so abhaken? Darf ein Mensch erst dann psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, wenn etwas absolut Schwerwiegendes vorliegt? Es steht fest, dass die meisten Menschen sich unter psychologischer Hilfe Einweisungen in Psychiatrien, Zwangsjacken und starke Medikationen vorstellen. Das ist die traurige Wahrheit.

Dazu kommt mir ein skurriler Gedanke in den Sinn: Dieser Theorie nach dürfte ein Mensch auch erst dann zu einem Arzt gehen, wenn er etwas extrem Schwerwiegendes hat, wie zum Beispiel einen Gehirntumor. Wenn jemand sagt: „Ich habe mich erkältet, ich gehe morgen besser zum Arzt“, dann zeigt niemand mit dem Finger. Sich wegen Unwohlseins an einen Psychologen zu wenden, ist aber „unnormal“ und „abgedreht“.

„Schuster, bleib bei deinen Leisten“

Wenn ich eine Grippe habe, gehe ich zum Allgemeinmediziner. Wenn ich auf meiner Haut einen verdächtigen Fleck entdecke, gehe ich zum Hautarzt. Warum? Ganz einfach: Ich bin kein Arzt und habe selbst keine Ahnung davon. Es gibt Menschen, die Medizin studiert haben und Ahnung davon haben. Deshalb suche ich sie auf und bitte um Rat. So einfach ist das.

So wie die meisten von uns nicht Medizin studiert haben, haben die meisten auch nicht Psychologie studiert. Was tut man also, wenn man eine Einschränkung der psychologischen Gesundheit bemerkt? Richtig: Man geht zum Psychologen und lässt sich behandeln, so wie man auch eine Grippe behandeln lassen würde. So einfach ist das 🙂 Und ist die psychologische Gesundheit etwa nicht mindestens genauso wichtig wie die körperliche?

Wenn du das Bedürfnis hast, dich psychologisch beraten zu lassen, dann lass dich nicht davon abhalten! Daran ist absolut nichts verkehrt oder unnormal. Ich werde dir nun sogar beweisen, dass du damit persönliche Stärke beweist!

Der Weg des Mutigen

Menschen, die einen Psychologen oder Psychiater aufsuchen, wird nachgesagt, sie seien schwach und würden ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen. Ich behaupte das Gegenteil: Sie sind stark und ordnen ihr Leben neu!

Werfen wir mal einen ehrlichen Blick auf nur ein paar Probleme des modernen Alltags: Menschen haben Geldnot, beschweren sich ständig über ihre Arbeit, sind unglücklich in ihren Partnerschaften, lästern über ihre Freunde, haben Existenz- und Zukunftsängste, leiden unter Nikotin- oder Alkoholsucht, sind permanent unzufrieden mit ihrem Leben und vieles mehr. Sieht man sich die Fülle der alltäglichen Probleme an, fragt man sich schnell, wie die Menschen ihren Alltag immer weiter leben können, ohne etwas zu verändern. Auch hierfür gibt es verschiedene Strategien: Die Probleme leugnen, sie in Alkohol ertränken, sich vorlügen, alles sei super, Partys feiern und auch hier gibt es wieder vieles mehr. Die logische Konsequenz daraus ist, dass die bestehenden Probleme wachsen und zusätzlich neue erschaffen werden.

Genau aus diesem Grund finde ich es sehr (!) mutig, sich selbst einzugestehen: „Ich habe ein Problem und ich brauche Hilfe.“ Dieser Schritt erfordert Selbstreflexion, gnadenlose Ehrlichkeit und großen Mut. Ich könnte nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen, der diese Stärke beweist. Und es ist mir unbegreiflich, wie so viele Menschen letztendlich den Finger erheben, obwohl sie selbst zahlreiche Probleme haben, die sie einfach leugnen oder dulden.

Eine alte Erzählung der griechischen Mythologie besagt, dass die Götter die Weisheit und Wahrheit über das Leben versteckt haben, damit nur diejenigen sie erlangen, die ihrer würdig sind. Sie entschieden sich gegen den Gipfel des höchsten Berges und den tiefsten Punkt des Ozeans als Versteck, da ihnen ein Versteck einfiel, das noch viel schwieriger zu erreichen ist: Sie versteckten die Weisheit und Wahrheit im Innersten des Menschen. Denn nur wer mutig genug ist, sich sich selbst zu stellen und tief in sich hineinzusehen, ist der Weisheit und Wahrheit würdig.

Ich bin kein Esoteriker und eigentlich auch kein Geschichten-Erzähler, aber diese Geschichte gefällt mir sehr gut. Sie ist immer noch auf uns übertragbar und enthält eine wichtige Botschaft, die wir uns alle zu Herzen nehmen sollten.

Mittlerweile erreiche ich mit diesem Blog mehrere hundert Menschen wöchentlich und wenn es auch nur eine Leserin oder einen Leser gibt, die/der zum Gehen des inneren Weges motiviert oder von einem Vorurteil befreit wurde, dann ist meine Arbeit mehr als getan und ich bin zufrieden. Ich habe viele Menschen gecoacht und betreut, die grausamer Diskriminierung durch die Gesellschaft ausgesetzt wurden, weil sie einfach nur psychologischen Rat gesucht haben. Es wird Zeit, dass das diskriminierende Denken und Handeln aufhört. Wir alle haben ein Recht auf Gesundheit, sowohl körperlich, als auch geistig.

Schäme dich niemals dafür, psychologischen Rat zu ersuchen. Sei viel mehr Stolz auf dich, dass du den Mut besitzt, dich deinen Problemen zu stellen!

Ich habe nun wieder eine ganze Menge Text vom Stapel gelassen, aber dafür kommt er von Herzen. Wenn du mit der Botschaft dieses Artikels übereinstimmst, dann verbreite sie und mache die Gesellschaft ein Stück weit toleranter und verständnisvoller.

Ich wünsche dir ein wunderbares Wochenende.

Es ist schön, dass du dabei bist!

Michael

3 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hallo Michael,

    nachdem ich das Buch „30 Gedanken, die ihr Leben bereichern werden!“ gelesen habe, bin ich neugierig geworden und habe mir auch Deinen Blog angesehen. Diesem Artikel kann ich nur zustimmen.

    Im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung wegen einer psychosomatischen Erschöpfung bin ich offensiv mit meiner Krankheit und auch mit meiner Behandlung umgegangen. Das hat mir sehr geholfen, schnell wieder gesund zu werden und heute wieder ein zufriedenes Leben zu haben. Dabei habe ich festgestellt, dass mir viele Bekannte und Kollegen dann auch berichtet haben, dass sie es mutig finden, so offen damit umzugehen.

    Ich kann aus eigener Erfahrung jedem nur empfehlen, sich psychologische Unterstützung zu holen, wenn es notwendig ist, egal was andere darüber sagen oder denken. Es geht schließlich um die eigene Gesundheit und das eigene Wohlbefinden.

    Viele Grüße
    Manfred

    1. Hallo Manfred,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Es ist schön, die Meinung eines bereits Erfahrenen zu lesen, der anderen Mut macht. Und es ist besonders schön zu wissen, dass du diese schwere Zeit überwunden hast und ein zufriedenes Leben führst! Tatsächlich haben viele Angst davor, sich durch ein Eingeständnis auf einen Weg zu begeben, auf dem es kein Zurück mehr gibt in ein Leben ohne Therapie und Unzufriedenheit.
      Du hast vollkommen Recht: Es gibt um die eigene Gesundheit und das eigene Wohlbefinden. Damit sollte man niemals nachlässig sein.

      Ich wünsche dir einen guten und gesunden Start in das neue Jahr! Schön, dass du dabei bist.
      Viele Grüße
      Michael

  2. Hallo Michael,

    zuerst einmal möchte ich mich bei dir für diesen Artikel bedanken.
    Ich finde es auch von dir mutig, dieses Thema anzusprechen.
    Man hört leider tatsächlich sehr viele Vorurteile zu diesem Thema und wundert sich sehr, warum Menschen nicht mehr darüber nachdenken.

    Ich war 2015 (mit 25 Jahren) selbst in einer Situation, in der mir mein Leben über den Kopf gewachsen ist. Es kamen viele Dinge zusammen. Zum einen meine damalige Partnerschaft, aus der ich keinen Ausweg sah, Mobbing im Beruf, mein schwer Krebskranker Opa und finanzielle Probleme. Es war zu viel auf einmal um noch positive Gedanken fassen zu können und ich habe mich gefühlt in einem Kreis gedreht, wo es aus negativen Einflüssen nicht mehr herausging. Ich hatte nicht die Kraft etwas zu verändern und wusste auch nicht, wo ich anfangen sollte. Nachdem ich es monatelang versucht habe „auszuhalten“, da mir viele Menschen gesagt haben „Es gibt immer mal schlechte Zeiten, das wird auch wieder besser. Stell dich nicht so an.“, ging es mir auch körperlich so schlecht, dass ich meinen Alltag nicht mehr bewältigen konnte. Ich war daraufhin 8 Monate krankgeschrieben und der Arzt verordnete mit Psychotherapie, wofür ich heute noch dankbar bin! Ich kam in eine Gruppentherapie und muss gestehen, dass auch ich zu dem Zeitpunkt nicht frei von Vorurteilen war. Ich dachte Dinge wie „Mein Gott, ich will da nicht hin. Da sitzen dann 9 gestörte Menschen und ich muss dazu, obwohl ich doch reale Probleme habe!“. Im Nachhinein schäme ich mich für solche Gedanken. Völlig hingegen meiner Erwartungen, saßen dort 9 herzensgute Menschen, die mich sehr liebevoll begrüßt haben. Keiner von ihnen war „gestört“. Es waren ganz normale Menschen, wie du und ich, die vielleicht nicht genau die gleichen Probleme hatten wie ich, dessen Probleme sich deshalb aber nicht weniger schlimm auf ihr Leben auswirkten. Es waren reale Probleme und ich habe großen Respekt vor diesen Menschen! Innerhalb weniger Wochen entwickelten sich tiefes Vertrauen, Freundschaften und wir versuchten einander zu helfen und viele Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Wo ich nur eine Möglichkeit sah, taten sich plötzlich 9 weitere Ideen auf und meine Probleme schienen im Gegensatz zu manch anderen nicht mehr so bedeutsam. Dies war eine der besten Erfahrungen in meinem Leben, die mir die Augen geöffnet und mich hat wachsen lassen.
    Jetzt, 3 Jahre später, führe ich eine neue glückliche Beziehung (die ich nicht für selbstverständlich halte und an der ich gerne arbeite), habe einen neuen Arbeitsplatz und ein gutes Gehalt und plane gerade meinen beruflichen Umstieg in meinen Traumberuf. Es geht mir gut und ich habe erkannt, dass es MEINE Verantwortung ist, immer dafür dazu sorgen, dass es so bleibt.
    Ein gut gemeinter Rat an alle: Lasst es nicht so weit kommen, dass eure Gesundheit oder schwierigen Zeiten leidet. Holt euch früh genug Rat und Hilfe und lasst euch überzeugen, wie viel Positives man mitnehmen kann.

    Liebe Grüße,

    Jenny

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