Bin ich ein Egoist?

Eine berechtigte Frage, die man sich manchmal im Laufe der persönlichen Entwicklung stellt. Lass uns eine Antwort finden.

Wenn du dich mit der Thematik der persönlichen Entwicklung beschäftigst, wirst du auffällig häufig lesen oder hören, dass du mehr auf dich selbst achten musst.
In meinen Büchern und auch auf dem Blog schreibe ich sehr oft, dass du selbst die Hauptfigur in deiner Geschichte bist, auch wenn es andere wichtige Menschen in deinem Leben gibt. Die Frage, die sich vielen dabei stellt, ist: Entwickle ich mich dadurch zum Egoisten? Lasse ich die Menschen um mich herum im Stich, wenn ich mich selbst zur wichtigsten Person in meinem Leben erkläre?
Ich persönlich beantworte diese Frage ausdrücklich mit „Nein“ und ich gehe sogar noch weiter und behaupte, dass du den Menschen in deinem Leben mit deinem neuen „Egoismus“ einen Gefallen tust! Im Folgenden möchte ich dir erklären, warum ich das so sehe.

Außenstehend im eigenen Leben

Wer wenig Selbstbewusstsein hat, hat gute Gründe dafür und ist oft ein Mensch, der nicht „nein“ sagen kann, sich für andere aufopfert, seine eigenen Interessen nach hinten stellt, sich häufig gehen lässt, usw.
Da wir uns an alles gewöhnen können, wenn wir es nur lange genug praktizieren, können wir uns auch an ein Leben mit einem sehr geringen Selbstbewusstsein gewöhnen und wachsen mit jedem Tag fester in unserer Rolle als Außenstehender im eigenen Leben fest.
Wer sich erst einmal an dieses Leben gewöhnt hat und plötzlich liest, er/sie solle sich mehr um sich selbst kümmern und sich selbst an die oberste Stelle auf der Prioritätenliste setzen, sieht einer Kollision mit allen bisherigen Gewohnheiten direkt ins Auge. Neben der üblichen Angst vor Veränderungen setzt auch das stark ausgeprägte Pflichtbewusstsein gegenüber anderen ein: „Wie kann ich den anderen noch gerecht werden, wenn ich mich selbst als wichtigeren Menschen sehe?“

Vielleicht erkennst du dich darin wieder. Vielleicht hast du eine Familie, für die du verantwortlich bist und die in gewissem Maße von dir und deinen „Leistungen“ abhängig ist. Vielleicht hast du Freunde, die du nicht verlieren möchtest, nur weil du dir mehr Zeit für dich nimmst. Vielleicht hast du Angst, auf der Arbeit Ansehen und einen Status zu verlieren, wenn du dich weniger für den Betrieb aufopferst und dir mehr Zeit für dich selbst einrichtest.
Was auch immer auf dich zutreffen mag: Mit einem gesunden Egoismus werden diese Szenarien nicht eintreten, sondern du gewinnst in allen Situationen mehr dazu, anstatt etwas zu verlieren! Eine kleine Info am Rande: Charlie Chaplin sagte, dass er eines Tages feststellte, dass das, was er „gesunden Egoismus“ nannte, wahre Selbstliebe ist 🙂

Eine Qualifikation erlangen

Immer dann, wenn du für andere handelst anstatt für dich selbst, übernimmst du Verantwortung für diese Personen. Aber lass uns das mal logisch betrachten: Solltest du wirklich Verantwortung für jemanden übernehmen, wenn du es vorher nicht für dich selbst tust? Ganz plump gesagt: Kannst du wirklich anderen behilflich sein, wenn du dir nicht selbst helfen kannst?

Es ist oft hilfreich, sich sehr allgemeine Beispiele aus dem alltäglichen Leben zu nehmen und sie in einen Vergleich zu setzen. So kann zum Beispiel nur jemand Arzt sein, der Medizin studiert und Berufspraxis erlangt hat. Professioneller Fußballtrainer wird nur jemand, der selbst Profi in diesem Sport ist oder war und auch ich gebe dir meine Gedanken nur weiter, weil sie mich zu einem zufriedeneren, selbstbewussteren, sozialeren und erfolgreicheren Menschen gemacht haben.
Bevor du also anderen helfen kannst oder Verantwortung für sie übernehmen kannst, musst du beides zuerst für dich tun können. Das ist nur logisch, denn so erlangst du eine Art „Qualifikation“. Eine Qualifikation, die dich glaubwürdiger, effizienter und auch in diesem Sinne hilfreicher für andere macht.

Alle profitieren

Klar, in erster Linie profitierst du selbst von dieser Einstellung. Denn plötzlich hast du mehr Zeit für dich, setzt dich mit deinen eigenen Interessen auseinander, entdeckst neue Vorlieben, setzt deine Prioritäten anders und genießt all die Vorzüge, die es mit sich bringt, wenn man sich mit der persönlichen Entwicklung auseinandersetzt. Das ist dann oft der Punkt, an dem das schlechte Gewissen einsetzt: „Ich fühle mich besser, aber was ist mit den Menschen, die mich brauchen? Je weniger ich mich um sie kümmere, desto besser geht es mir.“

Hier kann ich nur verneinen. Du kannst auch weiterhin für andere da sein, aber von nun an auf eine effizientere, fairere und für alle bessere Weise: Du opferst dich nicht auf, sondern hilfst. Du sagst nicht willenlos zu allem „ja“, sondern gehst Kompromisse ein, die auch dich weiterbringen. Du steckst nicht für andere zurück, sondern gehst mit ihnen gemeinsam voran.
Die Menschen, denen du wichtig bist, wollen dich glücklich sehen. Die Menschen, die dich brauchen und auf deine Hilfe angewiesen sind, können nur davon profitieren, wenn du „qualifiziert“ bist und ihnen ein Vorbild sein kannst. Und was die Menschen betrifft, die gegen deine persönliche Entwicklung sind: Sie beweisen damit, dass du ihnen nicht wichtig bist. Wer von dir VERLANGT, dass du dich aufopferst und dich selbst vernachlässigst, kann keinen Wert auf dich legen.
Die Menschen, die dich und deine Verantwortungsbereitschaft zu schätzen wissen, werden deine neuen Prioritäten begrüßen und sich freuen, dass niemand das „Opfer“ deiner Hilfsbereitschaft sein muss.

Die persönliche Entwicklung schafft folglich „Win-win-Situationen“: Du wirst selbstbewusster, zufriedener, ausgeglichener und kannst noch besser helfen und Verantwortung übernehmen als zuvor. Solltest du dich also fragen, ob die persönliche Entwicklung dich zum Egoisten macht, hoffe ich, dass dir die Antwort „Nein“ nun leichter fällt.

Bevor ich mich verabschiede, möchte ich noch erwähnen, dass der heutige Artikel mir sehr am Herzen liegt. In den letzten Monaten habe ich dutzende Lesermails erhalten, die sich allesamt um diese spezielle Frage und die mit ihr verbundenen Gewissensbisse drehten. Ich hoffe, mit diesem Artikel allen Zweifelnden ihre Zweifel nehmen zu können 🙂

Ich wünsche dir ein schönes und erholsames Wochenende. Es soll fast überall sehr sonnig werden, also hab eine gute Zeit!

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelfoto: Gratisography.com

8 Kommentare, sei der nächste!

  1. Toller Artikel!!
    Ich gehöre schon schon seit jeher zu den „gesunden Egoisten“. Und frage mich auch jedes mal, ob es bei mir nicht schon zu stark ausgeprägt ist. Und ich habe mich vor kurzem mit einer freundin zerstritten, die in genau das Gegenteil ist. Die mir Ratschläge geben will obwohl sie ihr eigenes Leben selbst nicht im Griff hat. Leider kann ich vor solchen menschen keinen respekt haben und auch deren Hilfe nicht annehmen. And dann habe ich selber wieder das Gefühl dass ich ein arrogantes egoistisches A ….. bin. Andererseits denke ich mir: so schlecht kann ich es nicht machen. Ich habe ein glückliches ausgeglichenes Leben.

    1. Vielen Dank! Schön, dass der Artikel dir gefällt.
      Ich persönlich lehne nicht kategorisch den guten Rat anderer ab, auch wenn sie es selbst nicht besser machen. Ich denke vor allem auch an das Wohl meines Gegenübers, wenn er/sie mir helfen möchte, bevor er/sie sich selbst geholfen hat. Es ist schade, dass ihr euch deshalb zerstritten habt. Vielleicht findet ihr ja einen Kompromiss?

      Viele Grüße
      Michael

      1. Lieber Michael,
        danke für deine Antwort. Ich lehne natürlich auch nicht kategorisch jeden Rat ab. Im Gegenteil, ich bin immer dankbar für Hilfe. Es fällt mir aber leichter, einen Rat von jemanden anzunehmen, wo ich weiß, dass derjenige auch seine eigenen probleme lösen kann. Und nicht von jemanden, der seit 20 Jahren bei allen anderen alles besser weiß, selber aber nichts auf die Reihe bekommt. Da fehlt es mir dann an Glaubwürdigkeit. Weil du ja auch geschrieben hast: „Kannst du wirklich anderen behilflich sein, wenn du dir nicht selbst helfen kannst?“ Deswegen musste ich sofort an meine Freundin denken. Die Details würden jetzt natürlich den Rahmen sprengen. Aber du hast mich jetzt auf jeden Fall schon wieder zum Nachdenken gebracht. Danke dafür. Ich bin wohl doch kein „gesunder“ Egoist. Vielleicht wohl doch NUR Egoist. Danke für deine Inspiration!

        Liebe Grüße, U.

        1. Da hast du natürlich Recht. Im Artikel erwähne ich die „Qualifikation“, die es braucht, um wirklich helfen zu können. Wer diese in 20 langen Jahren nicht erlangt, kann natürlich nicht glaubwürdig sein. Es ist einfach schade, wenn Freundschaften sich auflösen, egal aus welchem Grund. Das Leben ist viel schöner, wenn man sein Glück mit Menschen teilen kann, die einem am Herzen liegen 🙂
          Hab ein schönes Wochenende!

          Viele Grüße
          Michael

  2. Hallo Michael,

    nachdem ich nicht mehr jedem jedes Problem abnehme und auch mal häufiger „nein“ sage, ist es so wie Du sagst, ich bin selbstbewusster, zufriedener, ausgeglichener und kann noch besser helfen und Verantwortung übernehmen als zuvor. Und ich habe auch festgestellt, dass diejenigen, denen ich helfe oder ein Problem abnehme, das auch ganz anders wertschätzen als früher, weil diese es positiv wahrnehmen, dass ich das bewusst für sie tue und nicht der bin, bei dem alle ihre Probleme abladen können.

    Viele Grüße und ein schönes Wochenende
    Manfred

    1. Hallo Manfred,

      vielen Dank für deinen Zuspruch. Dass alle Seiten von dieser Einstellung profitieren, ist der mit Abstand wichtigste Punkt und die meisten Menschen haben Schwierigkeiten damit, dies zu glauben. Dass die Wertschätzung der Mitmenschen zunimmt, ist ein weiterer positiver Effekt. Ich hoffe, dass viele Leser sich ein Beispiel an deinen Erfahrungen nehmen und sich motivieren lassen, einen wichtigen Schritt für sich zu gehen.
      Auch dir ein schönes Wochenende!

      Viele Grüße
      Michael

    1. Hallo Birgit!

      Bitte entschuldige die späte Antwort. Mein Programm scheint deinen Kommentar gut vor mir versteckt zu haben 😉
      Es freut mich, dass der Satz dir neue Perspektiven eröffnet und ich hoffe, dass du auch noch weitere nützliche Anregungen auf dem Blog findest.
      Hab ein schönes Wochenende!

      Viele Grüße
      Michael

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