Spürst du sie auch?

Ich habe es schon immer geliebt, die Biografien erfolgreicher Persönlichkeiten zu lesen. Sie zeigen uns, dass jeder Mensch alles erreichen kann, auf seine ganz eigene Art und Weise. Außerdem erinnern sie uns daran, dass auch die Allergrößten mal klein angefangen haben und darüber hinaus haben sie mich schon immer motiviert. Das ist es aber gar nicht, worauf ich heute hinaus möchte. Das hier soll ja schließlich kein Plädoyer für Biografien sein. Warum sind sie dennoch wichtig?

Im Laufe der Jahre ist mir etwas Seltsames aufgefallen: Die erste Hälfte einer Biografie finde ich immer viel spannender als die zweite. Zuerst konnte ich mir gar nicht so recht erklären, woran das liegt, doch dann fiel es mir eines Tages wie Schuppen vor die Augen. Das Spannende ist immer die Entwicklung eines Menschen. Es macht einfach Spaß zu sehen, wie jemand das Beste aus seiner Situation macht und Großartiges hervorbringt. Jemanden dabei zu beobachten, wie er sprichwörtlich den Gipfel eines Berges erklimmt, ist atemberaubend. Ist dies jedoch erst einmal geschehen, bleibt nicht viel Spannendes übrig. Wir alle wollen dem Helden dabei zusehen, wie er den Berg besteigt. Aber wen interessiert es schon, wie er seine Zeit auf dem Gipfel fristet?

Die Tücke mit den Zielen

Die meisten von uns wollen erfolgreich sein. Wir setzen uns hohe Ziele und wünschten, wir wären bereits dort. Wie toll wäre es, jetzt schon ein Spitzensportler zu sein? Wäre es nicht der Knaller, jetzt schon in seinem Traumhaus vor dem Kamin zu sitzen? Und wie viel Spaß könnte das Leben machen, wenn man bereits jetzt ein virtuoser Pianist wäre?

All diese Vorstellungen sind großartig, das möchte ich keineswegs bestreiten. Hinter ihnen lauert jedoch auch eine Gefahr: Die Gefahr der Langeweile und des Müßiggangs. Auf seine Ziele hinzuarbeiten, kostet alle Kraft und Aufmerksamkeit. Es ist ein spannender Kampf, der uns jeden Tag vor neue Herausforderungen stellt. Aber was passiert, wenn dieser Kampf endet? Wie lange macht es Spaß, auf dem Gipfel zu verweilen und nichts zu tun?

Dieser essenzielle Gedanke ist der Grund dafür, dass man sich immer neue Ziele setzen sollte. Das ist nochmal ein anderes Thema, dem ich bald einen eigenen Blogartikel widmen möchte und werde. Heute gehe ich noch einen Schritt weiter, hin zu einem anderen Aspekt, den nur die wenigsten beachten.

Die Magie des Aufstiegs

Was nun folgt, ist meine persönliche Empfindung. Ich weiß nicht, ob du dich auch damit identifizieren kannst, aber in letzter Zeit wird dieser Gedanke in mir immer stärker. Und immer, wenn ich ihn mit anderen Menschen teile, sagen sie mir, dass es ihnen genauso geht. Manchmal vermisse ich die schwierigeren Zeiten. Versteh mich bitte nicht falsch. Ich würde nicht zurück wollen. Es ist einfach so ein Gefühl, das mich an eine Zeit erinnert, in der alles schwieriger, aber gleichzeitig auch einfacher war.

Während ich gerade in meinem gemütlichen Sessel am Fenster sitze, vermisse ich mein altes, kleines und heruntergekommenes Büro, in dem alles angefangen hat. Wenn ich heute in meinem modernen Auto unterwegs bin, denke ich nostalgisch zurück an meinen uralten klapprigen Renault Twingo, bei dem die Heizung nicht funktionierte. Als ich neulich im Besprechungszimmer eines großen Verlags saß, um über künftige Projekte zu sprechen, dachte ich voller Wehmut an meine ersten Gehversuche als Autor. Warum sage ich dir das? Ist das Meckern auf hohem Niveau? Nein. Es ist ein Ruf nach mehr Wertschätzung.

Sich glücklich an diese schwierigeren Zeiten zu erinnern heißt nicht, dass man zurück möchte. Es heißt, dass man im Nachhinein erkennt, wie gut diese Entwicklung war. Sie hat genau hierhin geführt. Während wir im Alltag stecken, also mit dem Aufstieg in Richtung Gipfel beschäftigt sind, beschweren wir uns. Wir wünschten, wir könnten bereits oben sein. Und wenn wir dann oben sind, erkennen wir, dass der Aufstieg doch nicht so übel war. Was können wir daraus lernen?

Das Abenteuer hört nie auf

Wir können etwas sehr Wichtiges daraus lernen: Das Leben ist nicht erst dann schön, wenn wir unsere Ziele erreicht haben. Es mag vielleicht einfacher sein, sobald ein gewisser Punkt erreicht ist, aber das heißt nicht, dass das Leben vorher keinen Spaß macht. Wir erkennen immer erst im Nachhinein, wie spannend die Reise war. Immer erst dann, wenn wir vom sicheren Hafen aus auf die raue See zurückblicken und uns sicher fühlen. Wie schade, oder? Können wir dieses Wissen nicht nutzen, um jede künftige Reise zu genießen? Die Antwort ist simpel: Ja, wir können!

Denn die Wahrheit ist, dass die Reise nie endet. Es gibt immer den nächsten Gipfel, der bestiegen werden will. Das hat nichts mit „Höher, schneller, weiter“ zu tun. So ist einfach das Leben. Sobald du einen Berg erklommen hast, bleibst du nicht 30 Jahre lang tatenlos dort sitzen. Du brauchst eine Beschäftigung. Du willst dich weiterentwickeln. Das ist völlig normal. Aber warum in aller Welt sind wir Menschen so blind und genießen nicht das Abenteuer?

Es wird IMMER der Punkt kommen, an dem du die Spannung und das Abenteuer der Reise vermissen wirst. Nutze dieses Wissen, um die Reise JETZT schon zu genießen. Auf diese Weise macht das Leben immer Spaß. Auch an den Tagen des Gegenwinds und der Herausforderungen. Du weißt, dass du all das nicht umsonst tust. Du weißt, dass es einen Grund dafür gibt. Und vor allem weißt du: Irgendwann wirst du mit einem Lächeln darauf zurückblicken. Früher oder später ergibt alles einen Sinn.

In diesem Sinne: Genieße die Reise.

Es ist schön, dass du dabei bist.
Michael

 

Titelbild: Unsplash.com, Monika Geble